Das Bild hat mehr als eine Perspektive.“

Eine Rezension zu diesem Roman zu schreiben ist schwierig. Die Handlungsstränge sind sehr verwoben, die Erzählform springt vom inneren Monolog zur direkten Rede und zu einer allwissenden Erzählerin. Zudem ist mir die richtige Wortwahl bei diesem brisanten Thema schwer gefallen.

Der Roman spielt im Westjordanland der 1970er Jahre und behandelt zwei Themen: die politische Situation unter Besatzung zwischen Unterwerfung und Kampf und sehr facettenreich die wirtschaftlichen Bedingungen im besetzten Gebiet und wie diese beiden Themen miteinander verwoben sind. Die Themenwahl macht den Roman für das Verständnis des Konflikts interessant und wichtig. Sahar Khalifa erzählt aus palästinensischer Sicht, doch schon diese einseitige Perspektive auf den Konflikt zeigt deutlich wie unfassbar komplex die Lage bereits in den 1970er Jahren war.

Im Zentrum der Handlung steht die ehemals gut situierte Familie al-Karmi aus Nablus sowie Nachbarn und Arbeitskollegen. Usama ein Vetter, kehrt Anfang der 1970er ins palästinensische Westjordanland zurück, dass er nach der israelischen Besetzung verlassen hatte um in den Golfstaaten zu studieren und zu arbeiten. Beim Grenzübertritt wird ihm schmerzlich bewusst, dass dies ist nicht mehr das Land seiner Erinnerung ist.

In Nablus findet er fremde Menschen vor, sie sind besser gekleidet und besser genährt als bei seiner Abreise, überall findet er israelische Waren. Scheinbar leben die Menschen unter der Besatzung besser als zuvor:

„Was ist mit dem Land los? Was ist mit den Leuten los? Was ist los mit Euch?…Sie haben Euch eingelullt. Sie haben Euch um den Finger gewickelt. Und ich sehe in Euren Augen keine Regung von Scham.“

Er wirft ihnen vor nichts gegen die Besatzung unternommen haben. Doch schnell wird klar, dass er als Rückkehrer die aktuelle Lage sehr einseitig beurteilt:

Von welchen Leuten sprichst Du? Von denen, die nach Kuwait ausgewandert sind oder nach Dahran oder in die Golfstaaten? Sollen sie sich doch an der Industrialisierung des Westjordanlandes und des Gazastreifens beteiligen, dann hören wir sofort auf, dort unten zu arbeiten. Aber das tun sie nicht. Weißt Du warum? Weil kein einziger von ihnen auch nur Teil seines Geldes aufs Spiel setzten will. Aber von uns verlangen sie, daß wir allein die Risiken und Opfer auf uns nehmen.“

Die Menschen in Nablus versuchen mit unterschiedlichen Strategien unter der Besatzung zu leben. Die Einen fügen sich im Vertrauen auf Gott ihrem Schicksal und glauben an ein baldiges Ende der Besatzung. Die Anderen bekämpfen die Besatzungsmacht mit Gewalt. Der Großteil versucht einen Weg zu finden um die Familie zu ernähren.
Die eigenen Felder und Plantagen wurden enteignet oder liegen aufgrund von Arbeitermangel brach da die Löhne gesunken sind. Wer kann, versucht weiter in Nablus Geschäfte zu machen, z.B. als Gemüsehändler oder Brotverkäufer. Doch die Preise sind für palästinensische Familien kaum bezahlbar und viele der Produkte werden nicht mehr vor Ort produziert sondern in Israel z.B.das Brot. Manche Männer gehen in die Golfstaaten um dort zu arbeiten, viele Männer entscheiden sich in israelischen Fabriken zu arbeiten und pendeln täglich nach Tel Aviv. Egal welche Entscheidung sie treffen, aus der Sicht
der Anderen gelten sie als Verräter.

Schande? Ich bin dort arbeiten gegangen, und ihr habt gesagt: Schande. Ich bin zu Hause geblieben wie die Weiber, und man hat gesagt: Schande. Wir haben Brot verkauft, und ihr habt gesagt: Schande.“

Adel, der keine Arbeiter mehr für seine Plantage hat, aber seinen kranken Vater und seine Geschwister versorgen muss, arbeitet daher heimlich in einer israelischen Fabrik. Die Krankheit seines Vaters fordert all seine Aufmerksamkeit. Für alle weiteren Probleme – die seines Bruders Basil, seine Schwester Nuwar oder die Besatzung hat er keine Kraft. Lediglich seinen Arbeitskollege Abu Sader unterstützt er, nachdem dieser bei bei einem Arbeitsunfall einige Finger der rechten Hand verliert und arbeitsunfähig wird. Da Abu Sader nicht offiziell angestellt ist, stehen ihm weder eine entsprechende Notfallversorgung noch eine Entschädigung zu. Mit Adels Unterstützung kämpft er zwar für die Entschädigung, doch die Firma meldet Konkurs an und Abu Sader bekommt nichts. Mit Abu Sader zeigt Khalifa, dass die palästinensischen Fabriksarbeiter nicht nur von einer Form der Ungleichheit betroffen sind:

„Das ist ja nicht nur ein Problem zwischen Israelis und Arabern. Das ist ein Problem zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern.“

Shodi, ein weiterer Kollege Adels verletzt im Streit einen israelischen Inspektor in der Fabrik:

Er zwang sich zur Ruhe und dachte: Laß mich zufrieden, Schlomo. Gott sehe es dir nach. Ich weiß ja, daß du das Haus im Saada-Viertel nicht gesprengt hast. Auch daß du nicht mit deiner Kanone auf dem Grisim geschossen hast. Und daß du nicht verantwortlich bist für die Verhaftung von Hamada, Basil und all den anderen. Aber du bist doch verantwortlich! Du bist verantwortlich, ohne verantwortlich zu sein.“

Er muss eine Strafe im Gefängnis absitzen. Unerfahrene Jungen, einfache Arbeiter und ungebildete Bauern treffen hier auf belesene und machthungrige Revolutionäre. Die Gefängniszelle wird von Khalifa als Mikrokosmos dargestellt, in dem sich wiederholt was außerhalb der Gefängnismauern passiert:

Doch Adel [Anm.ein anderer Adel] und seine Kameraden halten immer Ausschau nach sexuellen und moralischen Abweichungen, und selbst Abu Salem wurde einmal verurteilt, weil er sich zuviel Suppe genommen hatte…Ein Staat im Staat. Adel, mit gekreuzten Beinen mitten in Zelle 23, gibt sich als Gewissen der Revolution. Doch er hat ein kaltes Herz, Leute. Und ich fürchte wahrlich, er wird wie alle Herrscher. Er befiehlt, und wir gehorchen. Und die Geschichte wiederholt sich unter neuen, schönen, strahlenden Begriffen: Demokratie, Sozialismus, Proletariat. Dann schwingt Stalin seine Sense und mäht die Häupter der Millionen, während die Massen dem allmächtigen Herrn zujauchzen und zujubeln und Loblieder auf Moskau und Rotchina anstimmen.“

Adels jüngerer Bruder Basil wurde ebenfalls verhaftet. Gemeinsam mit Kindern hat er vor israelischen Soldaten Revolutionsparolen skandiert. Von seinen Zellengenossen wird er gelobt und erhält den Beinamen Abu al-Iss – Vater der Ehre.1 Angestachelt durch die Kameraden und bestärkt durch den Ehrentitel schließt er sich nach seiner Entlassung einer Untergrundorganisation an. Als er entlarvt wird, wird das Haus der Familie gesprengt.

Adels Vetter Usama ist mit dem Auftrag einen Anschlag auf die Arbeiterbusse zu verüben nach Neblus zurückgekehrt.Nur kurz hat er bedenken, dass auch Adel unter den Opfern des geplanten Anschlages sein könnte. Doch er redet sich ein, dass Adel selbst Schuld wäre, denn es war seine Entscheidung in der israelischen Fabrik zu arbeiten. Sein Auftrag dient einem größeren Zweck. In den Kefije seines Vaters gehüllt verübt er am Markt ein Messerattentat auf einen israelischen Offizier. Er flieht in die Berge und schließt sich Kämpfern an, um mit ihnen das Attentat auf die Arbeiterbusse auszuüben.

…Persönliche Träume zerfließen. Der Einzelne wird zum Schuß in einer Salve. Und wenn er besonders gut zurechtgeschliffen ist, wird er zur Granate. Zur schußbereiten Granate. Das ist Logik. Sie haben vieles gesagt, und wir haben vieles gesagt, Logisches. Die Existenz des Einzelnen wird in historische Gleichungen gezwängt, und er wird zur Ziffer in einer Gleichung. Eine Ziffer. Ziffern. Die Gleichung erscheint wissenschaftlich, realistisch, konkret. Die Romantik zerfällt. Die zarten Träume sterben. Die Poesie stirbt. Die Leidenschaft stirbt. Und alles wird zum Kettenglied dieser Gleichung….“

Anhand der Figur von Shodi zeigt sich wie kompliziert und verwirrend der Alltag und die Beziehungen unter Besatzung sind; dass Menschen nicht einfach in Feind oder Freund, Täter oder Opfer eingeteilt werden können und sie trotz besserem Wissen und Gewissen, durch eigen oder Fremdverschulden tief in politische Konflikte hineingezogen werden können.

Shodi sitzt in einem der Arbeiterbusse die von Usama und seinen Leuten angegriffen werden. Inmitten des Gemetzels erkennt er Usama und will ihn zur Rechenschaft ziehen. Als er begreift, dass Usama von einem israelischen Soldaten angegriffen wird, ändert sich seine Haltung und er tötet stattdessen den Soldaten. Usama wird ebenfalls tödlich verwundet und Shodi will ihm im Tod beistehen. Dabei trifft auch ihn eine tödliche Kugel.

Es gibt im Roman aber auch Augenblicke in denen Empathie in den Vordergrund tritt.
Da ist zum einen die Szene im Gefängnis als die israelischen Soldaten weinen,
weil ein Fünfjähriger zum ersten Mal seinen Vater sieht. Oder Usamas Attentat auf den israelischen Offizier – wenige Minuten vor dem Attentat hat Umm Saber die israelische Familie noch verflucht, nach dem Angriff kann sie sich mit der Frau des Offiziers und ihrem Schmerz identifizieren und bezeichnet sie sogar als Schwester:

„Umm Sabers Blick traf auf die Augen der Frau. Die verängstigten Blicke ….Irgend etwas bewegte die verschlossenen Tore ihres Herzens, unwiderstehlich…‘Gottes Hilfe mit dir, Schwester. Gottes Hilfe mit dir‘.“

Adel ist ebenfalls Zeuge des Attentates und kümmert sich um die Tochter des Offiziers.

„‘Mein Vetter tötet ihn, und ich trage seine Tochter‘…Der Gedanke an den Kopf der Israelin an seiner Schulter öffnet, trotz aller Grenzen, die Horizonte einer engen Welt.“ Und an anderer Stelle: „…‘Damals trugst du einen Menschen. Du spürtest, wie dein Menschsein sich erweiterte, sich verdichtete. Durch sein Menschsein brach auch dein Menschsein hervor.‘ “

Die Handlung wird hauptsächlich von männlichen Charakteren getragen.
Die weiblichen Figuren stehen (noch) im Hintergrund. Usamas Mutter, die weder Lesen noch Schreiben kann, versucht zwar innerhalb des privaten Rahmens der Familie für alle Probleme eine Lösung zu finden, doch wenn es um die Besatzung geht, vertraut sie auf Gott:

„Du läßt heiraten, du läßt sterben, du machst Pläne nach Belieben. Doch bei den wirklichen Problemen sagst du: Der Allmächtige wird eine Lösung finden.“

Ganz gegensätzlich agiert Adels belesene Schwester Nuwar die heimlich in einen jungen, inhaftierten Kämpfer verliebt ist. Sie vertritt zwar die Meinung, dass nicht Gott, sondern die Menschen eine Lösung finden müssen und dass sich starke Menschen nicht beugen, doch als es darum geht ihrem Vater gegenüber die Hochzeit mit einem älteren Mann zu verweigern und ihre Liebe zu Saleh zu verteidigen, kann sie nicht für sich selbst einstehen. Saleh‘s Schwester Lina wird im Roman nur namentlich erwähnt und kommt leider selbst nicht zu Wort. Sie wird beschuldigt einer Untergrundorganisation anzugehören und verhaftet.

Im Anhang finden sich einige Worterklärungen, ich hätte mir aber mehr Anmerkungen gewünscht. Laut Wikipedia (20170830) wurde das Buch auch ins Hebräische übersetzt, in den Palästinensergebieten war zunächst nur die hebräische Übersetzung erlaubt, das arabische Original war verboten.

Sahar Khalifa wurde 1941 in Nablus, Palästina, geboren. Mit achtzehn Jahren ging sie eine traditionelle Ehe ein, die dreizehn Jahre dauerte. Nach der Scheidung begann sie sich verstärkt dem Schreiben zu widmen, studierte an der Bir Zait Universität und in den USA. Danach arbeitete sie als Dozentin an der Universität Bir Zait. In Nablus gründete sie ein palästinensisches Frauenzentrum, das sie neben ihrer schriftstellerischen Arbeit leitet. Heute lebt sie in Nablus und Amman. Für ihren Roman ‚Die Verheißung‘ erhielt sie 2006 in Kairo die Nagib-Machfus-Medaille.

Khalifa Sahar: Der Feigenkaktus. (© Khalifa Sahar 1976, Al-Subbár).
A
us dem Arabischen von Hartmut Fähndrich.
Unionsverlag. 1990. ISBN 3-293-20003-6. 226 Seiten.

Zur Weiterreise:
Leisering Walter (Hg.): Historischer Weltatlas. marixverlag. 2009 (bzw. eine aktuellere Ausgabe)
Abulhawa Susan: Während die Welt schlief.

 

1Die Autorin hat den Roman Abu al-Iss und seinesgleichen gewidmet.

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