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Abgesehen von seinen schönen, braunen Augen ist Albert Glück ein unscheinbarer, grauer Beamter im Amt für Verwaltungsangelegenheiten. Albert liebt seine Arbeit: er liebt die Vollkommenheit und Ästhetik der Anträge, Dienstvorschriften beruhigen ihn ebenso wie der minutiös geregelte Arbeitsalltag:

„Ein Schauspiel stand an, das Albert liebte und niemals verpasste: der große Hungerlauf! Er eilte aus seinem Büro, stellte sich an das Ende des Ganges und sah auf seine Uhr: Punkt zwölf Uhr flogen fast alle Bürotüren auf und Männer wie Frauen stürmten hinaus und riefen gestikulierend: MAHLZEIT!“
Izquierdo Andreas, Das Glücksbüro, S. 21

Aber Albert arbeitet nicht nur seit fünfunddreißig Jahren im Amt, sondern lebt auch dort. Im Archiv hat er sich ein kleines Zimmer eingerichtet. Dank Betriebsküche und Katalogversand bzw. Internet und guter Gesundheit musste er das Amt in all diesen Jahren keine einzige Minute verlassen. Denn die Welt da draußen ist ihm zu laut und chaotisch, sie macht ihm Angst. Im Amt hat er seine eigene überschaubare Welt geschaffen, hier ist er sicher und zufrieden.
Doch alles ändert sich, als der mysteriöse Antrag E45 auf seinem Tisch landet. Ein Antrag mit dem nichts beantragt wird!
Albert sieht sich gezwungen das sorgsam gehütete, enge Spielfeld seines bisherigen Lebens zu erweitern, das Amt zu verlassen und Anna Sugus, die Antragsstellerin, persönlich aufzusuchen. Angeregt durch und mit der Künstlerin Anna, verändert sich sein Privat- und Arbeitsleben. Er erkennt, dass hinter den geliebten Anträgen reale Menschen mit ihren persönlichen Geschichten und Bedürfnissen stehen und, dass er als Beamter sehr einfach zum Glück dieser Menschen beitragen kann.

„Albert hatte ihr einmal vom Impulserhaltungsgesetz erzählt, einem Phänomen, das in seinen Augen nicht nur für die Physik gültig war. Ein Impuls verpuffte nicht. Vielleicht war er nicht immer stark genug, um eine Reaktion zu verursachen, aber er hinterließ immer Spuren. Das galt für die Physik, das galt in gleichem Maß für die Menschen. Daran hatte Albert geglaubt.“
Izquierdo Andreas, Das Glücksbüro, S. 266

Nun ist es endgültig vorbei mit dem grauen Beamtenleben, denn der von Albert gesetzte Impuls zieht weite Kreise. Der neu entstandene „Glücksvirus“ breitet sich landesweit aus:

“ ‚Wir müssen dieses Glücksvirus eindämmen, bevor wir alles verlieren, was wir uns bisher aufgebaut haben. Denn was passiert, wenn plötzlich alle ein kleines Glück finden? Was passiert, wenn alle das Prinzip entdecken, das dem zugrunde liegt, nämlich, dass es nur wenig braucht, um aus einem kleinen Glück ein etwas größeres und aus einem etwas größeren ein noch viel größeres Glück zu machen?‘ Er konnte an den fragenden Gesichtern ablesen, dass noch niemand das Prinzip durchschaut hatte, also fuhr er fort: ‚Dieses Volk, unser geliebtes deutsches Volk, ist nicht so weit gekommen, weil es glücklich ist, sondern weil es unglücklich ist. Weil es Furcht hat und immerzu hofft, dass noch etwas Besseres kommt. Es ist niemals zufrieden, niemals glücklich, das unterscheidet uns von den meisten anderen Völkern und darum stehen wir an der Spitze der Nahrungskette!‘ […] ‚Glück ist tödlich für unser System. Glück bedeutet Stillstand. Ein glücklicher Mensch verharrt und genießt. Glück lässt uns zurückfallen in der Welt, und zwar auf einen Platz irgendwo zwischen Bananenrepublik und Takatukaland.‘ “
Izquierdo Andreas, Das Glücksbüro, S. 207f.

„Beide Seiten waren völlig überzeugt davon, im Recht zu sein, beide Seiten kämpften hart für ihre Sache.
Denn es ging ihnen ums Prinzip.
Es war eine Frage des Prinzips.
Und vor allem: Es durfte nur ein Prinzip geben.
Das Spiel verselbstständigte sich, löste sich vom ursprünglichen Grundgedanken und trat in eine neue Phase ein, in der stellvertretend all die ungeklärten, unterschwelligen und unerfüllten Ängste und Wünsche auf einem ganz neuen Spielfeld gegeneinander angeführt wurden.
Es ging um Macht und Ohnmacht, um Auflehnung und Unterordnung, um Ehrgeiz und Ignoranz, um Freiheit und Räson, um Mutwilligkeit und Ordnung, um Disziplin und Disziplinlosigkeit, um Eskalation und Deeskalation, um Statistik und Menschlichkeit, um Chauvinismus und Feminismus, Pluralismus und Dogmatismus…ja man konnte sagen: Es ging um fast jede denkbare Form irgendeines -ismus. Nur um die eigentliche Sache ging es plötzlich nicht mehr: Glück.
Sie stritten verbissen, nur hatten sie vergessen, warum sie das eigentlich taten, denn so vieles war hinzugekommen, so vieles verwässert oder angereichert oder erweitert worden, dass sie jetzt auf einem Feld spielten, dessen Linien sie nicht mehr sahen. Es gab faktisch keine Grenzen mehr: Alles war möglich und damit letztlich gar nichts.“
Izquierdo Andreas, Das Glücksbüro, S. 245f.

Ich hatte einen leichten, lustigen Roman erwartet. Sehr bald habe ich festgestellt, das viel mehr in dem Büchlein auf mich wartet. „Das Glücksbüro“ ist ein ruhiger, feiner Roman, der gegen Ende dennoch gesellschaftskritisch ist, ohne dabei seine Zartheit zu verlieren.
Izquierdo öffnet den Roman mit einem sehr poetischen Blick auf den Alltag im Amt. Gewonnen hat er mich mit der Wortschöpfung „Hungerlauf“ und der Beschreibung des Hungerlaufs, aber auch die Beschreibung der „Beamtenschnipsel“ finde ich ganz wunderbar. Wenn Autoren und Autorinnen (Margaret Atwood ist eine Meisterin darin) perfekte Ausdrücke für Alltägliches finden, ist es für mich als Leserin so, als ob ich einen Schatz ansehen dürfte, den ich schon lange gesucht habe. Albert mit seinen kleinen Alltagsfreuden und seinem Blick auf die Welt habe ich sehr schnell ins Herz geschlossen. Schön fand ich auch, dass er, obwohl sich sein Leben im Laufe der Geschichte sehr verändert, bleiben durfte wie er ist. Ich kann den Roman nur jedem ans Herz legen – es tut gut ein paar Stunden in der Welt von Albert Glück zu verbringen.

Andreas Izquierdo: Das Glücksbüro. Dumont. Vierte Auflage 2014. ISBN: 978-8321-6225-2. 272 Seiten

Zur Weiterreise:
Leseprobe

Albert’s Theorie zum Impulsgesetz und die ganze Geschichte haben mich an den Film „Das Glücksprinzip“ erinnert.

 

 

 

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