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Ende des 20. Jahrhunderts. Die Vereinigten Staaten von Amerika gibt es nicht mehr. Bei einem Terroranschlag durch islamische Fundamentalisten wurde die gesamte Regierung ausgelöscht, der Notstand ausgerufen. Das Chaos in den Wochen danach nutzen christliche Fundamentalisten, um die von langer Hand geplante totalitäre Republik
Gilead zu gründen.

(Bildquelle: https://www.pastemagazine.com/articles/2017/04/best-quotes-the-handmaids-tale-margaret-atwood.html) (01022018)

 

Die „europiden Rassen“ waren bereits in den Jahren davor durch einen enormen Geburtenrückgang vom Aussterben bedroht gewesen. Dies wird einerseits auf die weite Verbreitung von empfängnisverhütenden Mitteln, andererseits auf Unfruchtbarkeit in Folge von Seuchen, unkontrolliertem Gebrauch von Pestiziden und auf Umweltkatastrophen zurückgeführt. Vergewaltigungen und Morde standen an der Tagesordnung.

Das neue Regime hat, basierend auf einer eigenen Bibelauslegung, ein System aus Gesellschaftsordnung, Gesetzen und religiösen Praktiken geschaffen, dass die Fortpflanzung gewährleisten soll.

Geführt und kontrolliert wird das Regime von wenigen Männern – den Kommandanten.
Frauen haben in Gilead ihren festen Platz in der Gesellschaft:
Tanten, Ehefrauen, Marthas, Mägde und Unfrauen. Ihre Fruchtbarkeit entscheidet über ihre Stellung, die gesellschaftliche Position und somit ihre Fertilität ist durch die vorgeschriebene Kleidung für jeden ersichtlich:

Tanten in brauner Kleidung sind für die religiöse und sittliche Erziehung zuständig. Ihr Privileg ist es, die einzigen Frauen zu sein, die lesen und schreiben dürfen.

„Es gibt mehr als nur eine Form von Freiheit, sagte Tante Lydia, Freiheit zu und Freiheit von. In den Tagen der Anarchie war es die Freiheit zu. Jetzt bekommt ihr die Freiheit von. Unterschätzt sie nicht.“  S. 39

Die Hausarbeiten werden von den Marthas erledigt. Sie haben keine Rechte, befinden sich aber in relativer Sicherheit. Sie tragen grüne Kleidung.
Frauen in blauen Trachten sind Ehefrauen. Die höchste gesellschaftliche Position die eine Frau erreichen kann, ist es, Ehefrau eines Kommandanten zu sein. Ehefrau. Hausherrin. Mutter.
Unfruchtbaren Ehefrauen werden Mägde zugeteilt. Sie tragen rote Tracht. Sie sollen nach einer wörtlichen Bibelauslegung Kinder empfangen. In der sogenannten Zeremonie werden sie im Beisein der Ehefrau vom Kommandanten vergewaltigt.

„Wir sind zweibeinige Schöße, mehr nicht: heilige Gefäße, wandelnde Kelche.“ S.185

Sollten sie es schaffen mit dem Kommandanten ein Kind zu zeugen, werden sie an die nächste Familie weitergegeben. Sollten sie nicht schwanger werden oder ein „Unkind“ auf die Welt bringen, werden sie in die Kolonie verbannt. Dorthin werden alle Frauen verbannt, die dem System nicht nützlich sind. Als Unfrauen müssen sie dort Atom- und Giftmüll einsammeln bis sie daran zugrunde gehen. Ökonofrauen in ihren gestreiften Kleidern sind die Ehefrauen von durchschnittlichen Männern, ihnen stehen keine Mägde zu. Einige attraktive und gebildete Frauen, die nach der biblischen Figur benannten Jezebels, müssen in einem geheimen Bordell arbeiten.

Die Magd Desfred gehört zur ersten Generation und kann sich daher noch an den Umsturz und die Zeit davor erinnern. Sie erzählt von ihrem tristen und grausamen Alltag in Gilead und in Rückblicken von der Umerziehung im „Rahel und Lea“ Zentrum, sowie von der Zeit vor und während des Umsturzes.
Nach dem Terroranschlag wurde der Notstand ausgerufen, Straßensperren wurden errichtet, Identitätsausweise wurden eingeführt – Niemand wehrte sich, es gab keine Aufstände, denn alle hielten die Maßnahmen aus Sicherheitsgründen für vernünftig. Dann wurden die Konten der Frauen eingefroren, sie durften von einem Tag auf den Anderen nicht mehr arbeiten. Zu spät erkannte Desfred die Gefahr und versuchte mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter ins sichere Kanada zu fliehen, doch die Familie wurde getrennt. Desfred landete im Umerziehungslager. Sie geht davon aus, dass ihr Mann getötet wurde. Da Kinder das wertvollste Gut in Gilead sind, dürfte ihre Tochter überlebt haben. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen hält sie am Leben. Sie versucht sich in der Gefangenschaft einzurichten, jede noch so kleine Möglichkeit zu nutzen um nicht den Verstand zu verlieren und so beginnt sie ihre Geschichte zu erzählen.

„Haben wir so gelebt damals? Aber wir haben gelebt, wie es üblich war. Alle tun das, meistens jedenfalls. Alles, was vor sich geht, ist wie üblich. Sogar dies jetzt ist wie üblich.
Wir haben wie üblich gelebt, indem wir ignorierten. Ignorieren ist nicht das Gleiche wie Ignoranz, man muss etwas dazu tun.
Nichts verändert sich auf einen Schlag: In einer Badewanne wäre man totgekocht, ehe man etwas merkt.“ S.80

„Natürlich standen Geschichten in den Zeitungen […] Schrecklich, sagten wir, und sie waren es, aber sie waren schrecklich ohne glaubhaft zu sein. Sie waren zu melodramatisch, sie hatten eine Dimension, die nicht die Dimension unseres Lebens war.
Wir waren die Leute, über die nichts in der Zeitung stand. Wir lebten auf den leeren weißen Stellen, an den Rändern. Das gab uns mehr Freiheit.
Wir lebten in den Lücken zwischen den Geschichten.“ S.80

Der Report der Magd.“ ist ein erschreckender und beklemmender Roman der stellenweise kaum auszuhalten ist. Er hat mich tagelang aufgewühlt und wird noch lange in meinem Denken bleiben. Margaret Atwood hat diesen vielschichtigen Roman um 1985 unter der Prämisse geschrieben, nichts zu erzählen, was nicht schon in der Geschichte passiert ist. 2017 hat er nichts an Aktualität verloren bzw. ist vieles wieder in den Bereich des Möglichen gerückt.
2016 hat der Sender Hulu den Roman (mit Atwood als Consulting Producer mit Cameoauftritt, Erstausstrahlung 2017)  bildgewaltig als Dramaserie verfilmt und ihn damit wieder aus den Bücherregalen geholt. Die Handlung und die Figuren wurden für die Serie verändert bzw. erweitert und haben damit zu interessanten und differenzierten Diskussionen geführt, die man nicht missen sollte.

Vergleicht man die deutsche Übersetzung mit der Hulu Serie fällt ein Detail auf, dass im normalen Lesealltag meist im Hintergrund bleibt: die Frage nach der Übersetzung. Liest man eine Übersetzung sollte man nie davon ausgehen, das Original zu lesen. Von „treuen Übersetzungen“ die bemüht nahe am Original bleiben bis zu gekürzten Übersetzungen ist alles möglich. Trotz aller Bemühungen der ÜbersetzerInnen kann es immer zu Bedeutungsverschiebungen kommen. In der Übersetzung von Report der Magd durch Helga Pfetsch wurde allerdings ein Satz nicht nur falsch übersetzt, sondern der original Satz durch einen Anderen ersetzt.

Nolite te bastardes carborundorum”
– sind Worte die Desfred eingeritzt im Kasten ihres Zimmers findet. Der Kommandant erklärt ihr, dass es sich dabei nicht um korrektes Latein, sondern eine scherzhafte, von Schuljungen erfundene Variante (zu deutsch „Küchenlatein“) handelt. Übersetzt bedeutet es: “Don’t let the bastards grind you down.” Der Satz wird für Desfred zum Mantra, er gibt ihr Kraft sich zu widersetzen. Außerhalb des Romans wird “Nolite te bastardes carborundorum” zu einem Slogan in der Frauenbewegung.
In der deutschen Übersetzung hat Helga Pfetsch das Original ausgetauscht, hier liest man nun „Hirundo maleficis evoltat.“ übersetzt vom Kommandanten mit „Die Schwalbe entflieht den Bösewichtern.“. Für mein Empfinden verliert das Mantra durch den Austausch an Kraft. Aufgrund der Bedeutung von „Nolite te bastardes carborundorum“ außerhalb des Romans hätte ich mir in der Neuauflage von 2017 zumindest eine Anmerkung gewünscht.

Zur Weiterreise:
(Liste unvollständig, es gibt aktuell unendlich viele interessante Artikel und Diskussionen im Internet)
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