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„ Wer den Kern einer Geschichte im Verhältnis zwischen Werk und Autor sucht, irrt: Man sollte ihn nicht im Verhältnis zwischen dem Text und seinem Verfasser suchen, sondern in dem zwischen Text und Leser. […]
Das heißt: Der Raum, den der gute Leser sich bei der Lektüre erschließt, ist nicht der zwischen Text und Autor, sondern der zwischen dem Text und ihm selbst.
Nicht: Hat Dostojewski tatsächlich schon als Student alte Witwen ermordet und ausgeraubt?
Sondern du, Leser, versetzt dich in Raskolnikows Lage, um alles zu spüren – das Grauen und die Verzweiflung und das wuchernde Elend, die napoleonische Arroganz und den Größenwahn, das Hungerfieber und die Einsamkeit, die Leidenschaft und die Müdigkeit bis hin zur Todessehnsucht – und stellst dann einen Vergleich an (dessen Ergebnisse geheim bleiben): nicht zwischen der Romanfigur und diversen Skandalen im Leben des Schriftstellers, sondern zwischen der Romanfigur und deinem Ich, dem geheimen, gefährlichen, unglücklichen, irrsinnigen und kriminellen Ego, diesem furchterregendem Wesen, das du immer tief in deinem finsteren Verlies gefangenhältst, damit kein Mensch auf der ganzen Welt, Gott behüte, je etwas von seiner Existenz ahnt, nicht deine Eltern, nicht deine Lieben, damit sie nicht entsetzt vor dir flüchten, wie man vor einem Monster Reißaus nimmt. […]
Und du, frage bitte nicht: Was, sind das wirklich Tatsachen? Geht es bei diesem Autor so zu? Frage dich selbst. Über dich selbst. Und die Antwort kannst du für dich behalten“
Amos Oz: „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis.“ S. 53-59