Peter Camenzind. Hermann Hesse

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Peter Camenzind wächst in einem kleinen, schweizer Bergdorf auf. Schon als Kind ist er ein Träumer, der lieber die Wolken beobachtet statt am elterlichen Bauernhof zu helfen oder zu lernen.

„Zeigt mir in der weiten Welt den Mann, der die Wolken besser kennt und mehr lieb hat als ich! Oder zeigt mir das Ding in der Welt, das schöner ist als Wolken sind! Sie sind Spiel und Augentrost, sie sind Segen und Gottesgabe, sie sind Zorn und Todesmacht. Sie sind zart, weich und friedlich wie die Seelen von Neugeborenen, sie sind schön, reich, und spendend wie gute Engel, sie sind dunkel, unentrinnbar und schonungslos wie die Sendboten des Todes. Sie schweben silbern in dünner Schicht, sie segeln lachend weiß mit goldenem Rand, sie stehen rastend in gelben, roten und bläulichen Farben. Sie schleichen finster und langsam wie Mörder, sie jagen sausend kopfüber wie rasende Reiter, sie hängen traurig und träumend in bleichen Höhen wie schwermütige Einsiedler. Sie haben die Formen von seligen Inseln und Formen von segnenden Engeln, sie gleichen drohenden Händen, flatternden Segeln, wandernden Kranichen. Sie schweben zwischen Gottes Himmel und der armen Erde als schöne Gleichnisse aller Menschensehnsucht, beiden angehörig – Träume der Erde, in welchen sie ihre befleckte Seele an den reinen Himmel schmiegt. Sie sind das ewige Sinnbild alles Wanderns, alles Suchens, Verlangens und Heimbegehrens.
Und so, wie sie zwischen Erde und Himmel zag und sehnend und trotzig hängen, so hängen zag und sehnend und trotzig die Seelen der Menschen zwischen Zeit und Ewigkeit.“
Hermann Hesse: Peter Camenzind. S. 19

Trotzdem schafft er es auf die Schule gehen zu dürfen. Er möchte Schriftsteller werden um den Menschen die Liebe zur Natur näher zu bringen. Bald wird er vom Fernweh, von der #wanderlust ergriffen. Als seine Mutter stirbt macht er sich auf die Reise. Er ist auf der Suche nach „dem wahren Leben“ und der großen, einzigartigen Liebe. Er findet immer wieder enge Freundschaften die ihn erfüllen. Doch in der „Frauenliebe“ hat er kein Glück: er verliebt sich zweimal, wird jedoch von beiden Frauen abgewiesen. Er vereinsamt und verbittert und sucht wie sein Vater Trost im Wein.

Um der Schwermut zu entkommen begibt er sich wieder auf Wanderung und findet Trost in der Natur und in neuen Freundschaften. Schon früh ist Franz von Assisi zu seinem Vorbild geworden, doch erst als er zurück zu seinem gealterten Vater kehrt, kann er Assisis Lehre auf sein eigenes Leben übertragen.

„So begann ich denn die schwere und süße Kunst, statt an einer schönen und bewunderten Geliebten, an einem greisen, ruppigen Trinker zu lernen.“
Hermann Hesse: Peter Camenzind. S. 102

 
Es ist eine kurze Erzählung über die Jugend, das Älterwerden und die Liebe. Viele Themen mit denen sich Hesse in seinem ersten Roman 1903 beschäftigt hat, stehen auch heute im Raum.
Ich bin angenehm satt und vollgefüllt mit Sprache und Bildern. Es ist der sinnliche Umgang mit Sprache der mir in der Gegenwart häufig fehlt – Hesse hatte ausreichend Zeit und Wörter zur Verfügung um Beobachtetes – Sehnsüchte, die menschliche Seele ebenso wie die Natur – zu beschreiben.

Zur Weiterreise:
Franz von Assisi

Hesse Hermann: Peter Camenzind. suhrkamp taschenbuch. Erste Auflage 2002. (Entstanden 1903. Erste Buchausgabe 1904). ISBN: 3-518-39867-9. 162 Seiten.

 

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Izquierdo Andreas: Das Glücksbüro

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glücksbüro

Abgesehen von seinen schönen, braunen Augen ist Albert Glück ein unscheinbarer, grauer Beamter im Amt für Verwaltungsangelegenheiten. Albert liebt seine Arbeit: er liebt die Vollkommenheit und Ästhetik der Anträge, Dienstvorschriften beruhigen ihn ebenso wie der minutiös geregelte Arbeitsalltag:

„Ein Schauspiel stand an, das Albert liebte und niemals verpasste: der große Hungerlauf! Er eilte aus seinem Büro, stellte sich an das Ende des Ganges und sah auf seine Uhr: Punkt zwölf Uhr flogen fast alle Bürotüren auf und Männer wie Frauen stürmten hinaus und riefen gestikulierend: MAHLZEIT!“
Izquierdo Andreas, Das Glücksbüro, S. 21

Aber Albert arbeitet nicht nur seit fünfunddreißig Jahren im Amt, sondern lebt auch dort. Im Archiv hat er sich ein kleines Zimmer eingerichtet. Dank Betriebsküche und Katalogversand bzw. Internet und guter Gesundheit musste er das Amt in all diesen Jahren keine einzige Minute verlassen. Denn die Welt da draußen ist ihm zu laut und chaotisch, sie macht ihm Angst. Im Amt hat er seine eigene überschaubare Welt geschaffen, hier ist er sicher und zufrieden.
Doch alles ändert sich, als der mysteriöse Antrag E45 auf seinem Tisch landet. Ein Antrag mit dem nichts beantragt wird!
Albert sieht sich gezwungen das sorgsam gehütete, enge Spielfeld seines bisherigen Lebens zu erweitern, das Amt zu verlassen und Anna Sugus, die Antragsstellerin, persönlich aufzusuchen. Angeregt durch und mit der Künstlerin Anna, verändert sich sein Privat- und Arbeitsleben. Er erkennt, dass hinter den geliebten Anträgen reale Menschen mit ihren persönlichen Geschichten und Bedürfnissen stehen und, dass er als Beamter sehr einfach zum Glück dieser Menschen beitragen kann.

„Albert hatte ihr einmal vom Impulserhaltungsgesetz erzählt, einem Phänomen, das in seinen Augen nicht nur für die Physik gültig war. Ein Impuls verpuffte nicht. Vielleicht war er nicht immer stark genug, um eine Reaktion zu verursachen, aber er hinterließ immer Spuren. Das galt für die Physik, das galt in gleichem Maß für die Menschen. Daran hatte Albert geglaubt.“
Izquierdo Andreas, Das Glücksbüro, S. 266

Nun ist es endgültig vorbei mit dem grauen Beamtenleben, denn der von Albert gesetzte Impuls zieht weite Kreise. Der neu entstandene „Glücksvirus“ breitet sich landesweit aus:

“ ‚Wir müssen dieses Glücksvirus eindämmen, bevor wir alles verlieren, was wir uns bisher aufgebaut haben. Denn was passiert, wenn plötzlich alle ein kleines Glück finden? Was passiert, wenn alle das Prinzip entdecken, das dem zugrunde liegt, nämlich, dass es nur wenig braucht, um aus einem kleinen Glück ein etwas größeres und aus einem etwas größeren ein noch viel größeres Glück zu machen?‘ Er konnte an den fragenden Gesichtern ablesen, dass noch niemand das Prinzip durchschaut hatte, also fuhr er fort: ‚Dieses Volk, unser geliebtes deutsches Volk, ist nicht so weit gekommen, weil es glücklich ist, sondern weil es unglücklich ist. Weil es Furcht hat und immerzu hofft, dass noch etwas Besseres kommt. Es ist niemals zufrieden, niemals glücklich, das unterscheidet uns von den meisten anderen Völkern und darum stehen wir an der Spitze der Nahrungskette!‘ […] ‚Glück ist tödlich für unser System. Glück bedeutet Stillstand. Ein glücklicher Mensch verharrt und genießt. Glück lässt uns zurückfallen in der Welt, und zwar auf einen Platz irgendwo zwischen Bananenrepublik und Takatukaland.‘ “
Izquierdo Andreas, Das Glücksbüro, S. 207f.

„Beide Seiten waren völlig überzeugt davon, im Recht zu sein, beide Seiten kämpften hart für ihre Sache.
Denn es ging ihnen ums Prinzip.
Es war eine Frage des Prinzips.
Und vor allem: Es durfte nur ein Prinzip geben.
Das Spiel verselbstständigte sich, löste sich vom ursprünglichen Grundgedanken und trat in eine neue Phase ein, in der stellvertretend all die ungeklärten, unterschwelligen und unerfüllten Ängste und Wünsche auf einem ganz neuen Spielfeld gegeneinander angeführt wurden.
Es ging um Macht und Ohnmacht, um Auflehnung und Unterordnung, um Ehrgeiz und Ignoranz, um Freiheit und Räson, um Mutwilligkeit und Ordnung, um Disziplin und Disziplinlosigkeit, um Eskalation und Deeskalation, um Statistik und Menschlichkeit, um Chauvinismus und Feminismus, Pluralismus und Dogmatismus…ja man konnte sagen: Es ging um fast jede denkbare Form irgendeines -ismus. Nur um die eigentliche Sache ging es plötzlich nicht mehr: Glück.
Sie stritten verbissen, nur hatten sie vergessen, warum sie das eigentlich taten, denn so vieles war hinzugekommen, so vieles verwässert oder angereichert oder erweitert worden, dass sie jetzt auf einem Feld spielten, dessen Linien sie nicht mehr sahen. Es gab faktisch keine Grenzen mehr: Alles war möglich und damit letztlich gar nichts.“
Izquierdo Andreas, Das Glücksbüro, S. 245f.

Ich hatte einen leichten, lustigen Roman erwartet. Sehr bald habe ich festgestellt, das viel mehr in dem Büchlein auf mich wartet. „Das Glücksbüro“ ist ein ruhiger, feiner Roman, der gegen Ende dennoch gesellschaftskritisch ist, ohne dabei seine Zartheit zu verlieren.
Izquierdo öffnet den Roman mit einem sehr poetischen Blick auf den Alltag im Amt. Gewonnen hat er mich mit der Wortschöpfung „Hungerlauf“ und der Beschreibung des Hungerlaufs, aber auch die Beschreibung der „Beamtenschnipsel“ finde ich ganz wunderbar. Wenn Autoren und Autorinnen (Margaret Atwood ist eine Meisterin darin) perfekte Ausdrücke für Alltägliches finden, ist es für mich als Leserin so, als ob ich einen Schatz ansehen dürfte, den ich schon lange gesucht habe. Albert mit seinen kleinen Alltagsfreuden und seinem Blick auf die Welt habe ich sehr schnell ins Herz geschlossen. Schön fand ich auch, dass er, obwohl sich sein Leben im Laufe der Geschichte sehr verändert, bleiben durfte wie er ist. Ich kann den Roman nur jedem ans Herz legen – es tut gut ein paar Stunden in der Welt von Albert Glück zu verbringen.

Andreas Izquierdo: Das Glücksbüro. Dumont. Vierte Auflage 2014. ISBN: 978-8321-6225-2. 272 Seiten

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Leseprobe

Albert’s Theorie zum Impulsgesetz und die ganze Geschichte haben mich an den Film „Das Glücksprinzip“ erinnert.

 

 

 

Jonasson Jonas: Die Analphabetin, die rechnen konnte

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In den 60er Jahren in Soweto geboren, scheint die junge Nombeko keine Zukunftsaussichten zu haben. Sie ist Analphabetin und arbeitet seit ihrem fünften Lebensjahr als Latrinnentonnenträgerin. Doch sie ist außergewöhnlich klug und bringt sich aus Langeweile selbst das Rechnen bei.

Tja, ich denk mir das so: fünfundneunzig sind fünf weniger als hundert, und zweiundneunzig acht weniger als hundert, und wenn man das jetzt umdreht und die Differenz jeweils von der anderen Zahl abzieht, kommt man beide Male auf siebenundachtzig. Und fünf mal acht ist vierzig. Siebenundachtzig vierzig. Achttausendsiebenhundertvierzig.“
Jonasson Jonas: Die Analphabetin, die rechnen konnte., S. 15

Mit neun Jahren wird sie zur Chefin der Latrinenverwaltung befördert. Mit Hinterlist bringt sie einen Latrinnentonnenträger dazu ihr Lesen beizubringen und erbt schließlich Bücher und Rohdiamanten von ihm. Damit scheint ein freies und besseres Leben in Sichtweite. Doch mit fünfzehn wird sie von einem weißen alkoholsüchtigen Ingenieur überfahren und muss ihre Strafe in einem Atomwaffenlager als Putzfrau abarbeiten.

Dort hat die südafrikanische Regierung den Ingenieur damit beauftragt mit Hilfe der israelischen Regierung, sechs Atombomben zu bauen. Doch der Ingenieur ist völlig inkompetent. Nombeko, die sich in ihrer Freizeit durch die Bibliothek des Atomwaffenlagers liest, wird aufgrund ihrer neu erworbenen Kenntnisse schnell in den Bau der Atombomben verstrickt.
Als statt der geplanten sechs Atombomben sieben gebaut werden, muss Nombeko die siebte Atombombe verschwinden lassen.Es beginnt eine verstrickte, skurrile und wahnwitzige Reise, die Nombeko bis nach Schweden bringt.

Neben dem saufenden Ingenieur muss sich Nombeko mit drei chinesischen Kunstfälscherinnen und den israelischen Agenten A und B, den Zwillingen Holger 1 und Holger 2, einem zornigen Mädchen und ihrer Großmutter, sowie internationalen Regierungsmitgliedern herumschlagen bis die Atombombe endlich in Sicherheit ist.

Ich habe „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg.“ nicht gelesen und hatte somit auf Empfehlung einer guten Freundin, das Vergnügen zum ersten mal in die schrille Welt von Jonasson einzutauchen. Am Anfang konnte ich kaum glauben auf welche skurrilen Ideen dieser Autor kommt und wie sarkastisch er mit der Weltpolitik abrechnet.

Ungefähr so lagen die Dinge, als die Welt wieder einmal zeigte, wie seltsam sie sein kann, wenn sie sich von dieser Seite zeigen will.“
Jonasson Jonas: Die Analphabetin, die rechnen konnte., S. 133

Beim Lesen musste ich mir den Autor immer wieder vorstellen, wie er da an seinem PC sitzt und mit schelmischem Lächeln im Gesicht diese Geschichte erfindet. Das politische Geschehen der letzten 60 Jahre ist ja, wenn man einzelne Begebenheiten und die internationalen Verstrickungen Revue passieren lässt, ja selbst so absurd, dass man sie nur in einer noch absurderen Geschichte verpackt verarbeiten kann.

Die Erde drehte sich schön weiter um ihre Sonne, im selben gleichbleibenden Rhythmus und mit denselben Stimmungsschwankungen wie seit Anbeginn der Tage. Nombenko las von großen und kleinen Ereignissen.〈…〉  Spannend war auch, wie das am höchsten entwickelte Land der Welt sich bei der Wahl des eigenen Präsodenten so anstellte, dass es mehrere Wochen dauerte, bis das Höchste Gericht feststellte, dass der Kandidat mit den meisten Stimmen verloren hatte. Und so wurde George W. Bush Präsident der USA, während Al Gote auf den hysterischen Umweltagitator reduziert wurde, dem nicht mal die Anarchisten in Stockholm allzu viel Gehör schenkten. Im Übrigen befahl Bush kurz darauf die Invasion des Irak, um sämtliche Waffen zu vernichten, die Saddam Hussein nicht hatte.“ Jonasson Jonas: Die Analphabetin, die rechnen konnte. S.316

„Ehemaliger Nazi zu sein, war selbstverständlich kein Hindernis, wenn man politische Karriere machen wollte. Fast alle südafrikanischen Premierminister gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts hatten einen entsprechenden Hintergrund. Die Sverigedemokrater bekamen zwar nur ein Zehntelprozent der Stimmen bei der letzten Reichstagswahl, aber ihre Rethorik zielte darauf ab, Ängste zu schüren, und Nombenko glaubte, dass den Ängsten die Zukunft gehörte, das war schon immer so gewesen.“
Jonasson Jonas: Die Analphabetin, die rechnen konnte., S. 239

Obwohl ich auch gegen Ende einige Passagen witzig fand, war mir insgesamt doch relativ früh langweilig. Ich konnte zwar nicht mit dem Lesen aufhören, doch mir hätte der Roman kürzer, wesentlich kürzer, auch gereicht. In seiner Gesamtheit fand ich den Roman dann eher sehr anstrengend; eine scheinbar nie endend wollende Aneinanderreihung von realen und erfundenen Begebenheiten. Jetzt habe ich den Jonasson auch einmal gelesen, aber ich denke ein Roman reicht dann auch wieder.

Belli Gioconda: Mondhitze

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978-3-426-30466-2_Druck

„Eine Liebeserklärung an die Weiblichkeit.“ (Verlag)

Emma ist eine gut situierte Arztgattin Ende vierzig aus Nicaragua. Ihr Ehemann ist viel beschäftigt und als die beiden Kinder aus dem Haus sind, versucht sie ihre Tage mit Fitness und diversen Schönheitsanwendungen auszufüllen. Attraktiv zu bleiben scheint nun ihre einzige Aufgabe und ihre Lebensberechtigung zu sein.

„‘Wir Frauen sind das Öl im Getriebe des Lebens“, sagte ihr die Mutter, ‘ unsere Aufgabe ist es, das Harte weich zu machen und das Bittere süß. Solange Du das tust, wirst Du glücklich sein.‘“
Belli Gioconda: Mondhitze S. 78

Verständlich, dass sie das Ausbleiben der Periode und der Beginn der Menopause erschüttern. In trübe Gedanken vertieft verursacht sie einen Autounfall. Sie beschließt das Unfallopfer Ernesto nicht nur finanziell sondern auch persönlich während der Genesungsphase zu unterstützen. Zuerst aus Pflichtbewusstsein und um ihrem langweiligen Alltag zu entgehen, doch schon bald gesteht sie sich ein, dass sie sich von dem jüngeren Mann sexuell angezogen fühlt. Sie lässt sich auf eine Affäre mit ihm ein und wird dadurch auch in den Alltag in Ernestos Viertel hineingezogen. Die Veränderungen in ihrem Leben haben auch Einfluss auf ihren Ehemann Fernando. Und am Ende des Romans ist nichts mehr wie am Anfang.

Das Thema Menopause ist mir wie viele andere elementare Frauenthemen bisher in der Literatur noch nicht untergekommen. Belli beschreibt die negativen und positiven Seiten dieser Lebensphase gleichermaßen. Auch über Beziehungen zwischen älteren Frauen und jüngeren Männern sollte nicht nur in der Literatur vielschichtiger und offener gesprochen werden. Die erotischen Szenen und auch die Beziehung zwischen Ernesto und Emma fand ich geschmackvoll geschrieben.

Die Emma, die sich Ernesto nähert, ist ihr barfüßiges Ich.“ Belli Gioconda: Mondhitze S. 163

„‘Weißt du eigentlich, Ernesto, dass du einen mit deinem Blick umarmen kannst?‘, sagt sie.[…]In diesen Tagen schlafen sie nicht miteinander. Gleichwohl trägt er sie, unterstützt und beruhigt sie, und sie spürt zum ersten Mal, wie es ist, wenn ein Mensch sie von gleich zu gleich nimmt, ohne Arroganz, ohne Paternalismus. […] Das ist es wohl, was es ihnen möglich macht, diese seltsame Beziehung zu leben, in der sie einander als ebenbürtig wahrnehmen, erwachsen, ohne sich gegenseitig etwas vormachen zu müssen.“ Belli Gioconda: Mondhitze S. 261

Ihr Lachen sprudelt aus ihr heraus wie Popcorn aus dem Topf.“ Belli Gioconda: Mondhitze S. 269

Da meine Kenntnisse von Zentralamerika bescheiden sind, haben mir Belli‘s Schilderungen der politischen und sozialen Situation des Landes einen ersten Zugang zu Nicaragua ermöglicht.

Auffallend und schön fand ich, dass die zu Beginn des Romans im Hintergrund stehende Hausangestellte Nora am Ende auch eine Stimme bekommt.

Es ist der erste Roman, denn ich von Belli gelesen habe. Gegen Ende wird Belli spirituell und bettet ihre Heldin in ein Verständnis von Weiblichkeit ein, dass ich zur Zeit an vielen Orten bemerke. Andere RezensentInnen bemängeln, dass der Roman im Vergleich zu ihren früheren Büchern und für eine Revolutionärin nicht radikal genug und zu flach sei. Ich denke aber, dass es durchaus sinnvoll ist, Tabuthemen durch einen sanfteren und schöneren Schreibstil einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Belli Gioconda: Mondhitze.
( spanische Originalausgabe: El intenso calor de la luna. 2014)
Roman. Taschenbuch, Droemer, 2017. 284 Seiten.
ISBN: 978-3-426-30466-2

Zur Weiterreise:
Belli Gioconda: Die Republik der Frauen.

 

 

 

 

Khalifa Sahar: Der Feigenkaktus.

Das Bild hat mehr als eine Perspektive.“

Eine Rezension zu diesem Roman zu schreiben ist schwierig. Die Handlungsstränge sind sehr verwoben, die Erzählform springt vom inneren Monolog zur direkten Rede und zu einer allwissenden Erzählerin. Zudem ist mir die richtige Wortwahl bei diesem brisanten Thema schwer gefallen.

Der Roman spielt im Westjordanland der 1970er Jahre und behandelt zwei Themen: die politische Situation unter Besatzung zwischen Unterwerfung und Kampf und sehr facettenreich die wirtschaftlichen Bedingungen im besetzten Gebiet und wie diese beiden Themen miteinander verwoben sind. Die Themenwahl macht den Roman für das Verständnis des Konflikts interessant und wichtig. Sahar Khalifa erzählt aus palästinensischer Sicht, doch schon diese einseitige Perspektive auf den Konflikt zeigt deutlich wie unfassbar komplex die Lage bereits in den 1970er Jahren war.

Im Zentrum der Handlung steht die ehemals gut situierte Familie al-Karmi aus Nablus sowie Nachbarn und Arbeitskollegen. Usama ein Vetter, kehrt Anfang der 1970er ins palästinensische Westjordanland zurück, dass er nach der israelischen Besetzung verlassen hatte um in den Golfstaaten zu studieren und zu arbeiten. Beim Grenzübertritt wird ihm schmerzlich bewusst, dass dies ist nicht mehr das Land seiner Erinnerung ist.

In Nablus findet er fremde Menschen vor, sie sind besser gekleidet und besser genährt als bei seiner Abreise, überall findet er israelische Waren. Scheinbar leben die Menschen unter der Besatzung besser als zuvor:

„Was ist mit dem Land los? Was ist mit den Leuten los? Was ist los mit Euch?…Sie haben Euch eingelullt. Sie haben Euch um den Finger gewickelt. Und ich sehe in Euren Augen keine Regung von Scham.“

Er wirft ihnen vor nichts gegen die Besatzung unternommen haben. Doch schnell wird klar, dass er als Rückkehrer die aktuelle Lage sehr einseitig beurteilt:

Von welchen Leuten sprichst Du? Von denen, die nach Kuwait ausgewandert sind oder nach Dahran oder in die Golfstaaten? Sollen sie sich doch an der Industrialisierung des Westjordanlandes und des Gazastreifens beteiligen, dann hören wir sofort auf, dort unten zu arbeiten. Aber das tun sie nicht. Weißt Du warum? Weil kein einziger von ihnen auch nur Teil seines Geldes aufs Spiel setzten will. Aber von uns verlangen sie, daß wir allein die Risiken und Opfer auf uns nehmen.“

Die Menschen in Nablus versuchen mit unterschiedlichen Strategien unter der Besatzung zu leben. Die Einen fügen sich im Vertrauen auf Gott ihrem Schicksal und glauben an ein baldiges Ende der Besatzung. Die Anderen bekämpfen die Besatzungsmacht mit Gewalt. Der Großteil versucht einen Weg zu finden um die Familie zu ernähren.
Die eigenen Felder und Plantagen wurden enteignet oder liegen aufgrund von Arbeitermangel brach da die Löhne gesunken sind. Wer kann, versucht weiter in Nablus Geschäfte zu machen, z.B. als Gemüsehändler oder Brotverkäufer. Doch die Preise sind für palästinensische Familien kaum bezahlbar und viele der Produkte werden nicht mehr vor Ort produziert sondern in Israel z.B.das Brot. Manche Männer gehen in die Golfstaaten um dort zu arbeiten, viele Männer entscheiden sich in israelischen Fabriken zu arbeiten und pendeln täglich nach Tel Aviv. Egal welche Entscheidung sie treffen, aus der Sicht
der Anderen gelten sie als Verräter.

Schande? Ich bin dort arbeiten gegangen, und ihr habt gesagt: Schande. Ich bin zu Hause geblieben wie die Weiber, und man hat gesagt: Schande. Wir haben Brot verkauft, und ihr habt gesagt: Schande.“

Adel, der keine Arbeiter mehr für seine Plantage hat, aber seinen kranken Vater und seine Geschwister versorgen muss, arbeitet daher heimlich in einer israelischen Fabrik. Die Krankheit seines Vaters fordert all seine Aufmerksamkeit. Für alle weiteren Probleme – die seines Bruders Basil, seine Schwester Nuwar oder die Besatzung hat er keine Kraft. Lediglich seinen Arbeitskollege Abu Sader unterstützt er, nachdem dieser bei bei einem Arbeitsunfall einige Finger der rechten Hand verliert und arbeitsunfähig wird. Da Abu Sader nicht offiziell angestellt ist, stehen ihm weder eine entsprechende Notfallversorgung noch eine Entschädigung zu. Mit Adels Unterstützung kämpft er zwar für die Entschädigung, doch die Firma meldet Konkurs an und Abu Sader bekommt nichts. Mit Abu Sader zeigt Khalifa, dass die palästinensischen Fabriksarbeiter nicht nur von einer Form der Ungleichheit betroffen sind:

„Das ist ja nicht nur ein Problem zwischen Israelis und Arabern. Das ist ein Problem zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern.“

Shodi, ein weiterer Kollege Adels verletzt im Streit einen israelischen Inspektor in der Fabrik:

Er zwang sich zur Ruhe und dachte: Laß mich zufrieden, Schlomo. Gott sehe es dir nach. Ich weiß ja, daß du das Haus im Saada-Viertel nicht gesprengt hast. Auch daß du nicht mit deiner Kanone auf dem Grisim geschossen hast. Und daß du nicht verantwortlich bist für die Verhaftung von Hamada, Basil und all den anderen. Aber du bist doch verantwortlich! Du bist verantwortlich, ohne verantwortlich zu sein.“

Er muss eine Strafe im Gefängnis absitzen. Unerfahrene Jungen, einfache Arbeiter und ungebildete Bauern treffen hier auf belesene und machthungrige Revolutionäre. Die Gefängniszelle wird von Khalifa als Mikrokosmos dargestellt, in dem sich wiederholt was außerhalb der Gefängnismauern passiert:

Doch Adel [Anm.ein anderer Adel] und seine Kameraden halten immer Ausschau nach sexuellen und moralischen Abweichungen, und selbst Abu Salem wurde einmal verurteilt, weil er sich zuviel Suppe genommen hatte…Ein Staat im Staat. Adel, mit gekreuzten Beinen mitten in Zelle 23, gibt sich als Gewissen der Revolution. Doch er hat ein kaltes Herz, Leute. Und ich fürchte wahrlich, er wird wie alle Herrscher. Er befiehlt, und wir gehorchen. Und die Geschichte wiederholt sich unter neuen, schönen, strahlenden Begriffen: Demokratie, Sozialismus, Proletariat. Dann schwingt Stalin seine Sense und mäht die Häupter der Millionen, während die Massen dem allmächtigen Herrn zujauchzen und zujubeln und Loblieder auf Moskau und Rotchina anstimmen.“

Adels jüngerer Bruder Basil wurde ebenfalls verhaftet. Gemeinsam mit Kindern hat er vor israelischen Soldaten Revolutionsparolen skandiert. Von seinen Zellengenossen wird er gelobt und erhält den Beinamen Abu al-Iss – Vater der Ehre.1 Angestachelt durch die Kameraden und bestärkt durch den Ehrentitel schließt er sich nach seiner Entlassung einer Untergrundorganisation an. Als er entlarvt wird, wird das Haus der Familie gesprengt.

Adels Vetter Usama ist mit dem Auftrag einen Anschlag auf die Arbeiterbusse zu verüben nach Neblus zurückgekehrt.Nur kurz hat er bedenken, dass auch Adel unter den Opfern des geplanten Anschlages sein könnte. Doch er redet sich ein, dass Adel selbst Schuld wäre, denn es war seine Entscheidung in der israelischen Fabrik zu arbeiten. Sein Auftrag dient einem größeren Zweck. In den Kefije seines Vaters gehüllt verübt er am Markt ein Messerattentat auf einen israelischen Offizier. Er flieht in die Berge und schließt sich Kämpfern an, um mit ihnen das Attentat auf die Arbeiterbusse auszuüben.

…Persönliche Träume zerfließen. Der Einzelne wird zum Schuß in einer Salve. Und wenn er besonders gut zurechtgeschliffen ist, wird er zur Granate. Zur schußbereiten Granate. Das ist Logik. Sie haben vieles gesagt, und wir haben vieles gesagt, Logisches. Die Existenz des Einzelnen wird in historische Gleichungen gezwängt, und er wird zur Ziffer in einer Gleichung. Eine Ziffer. Ziffern. Die Gleichung erscheint wissenschaftlich, realistisch, konkret. Die Romantik zerfällt. Die zarten Träume sterben. Die Poesie stirbt. Die Leidenschaft stirbt. Und alles wird zum Kettenglied dieser Gleichung….“

Anhand der Figur von Shodi zeigt sich wie kompliziert und verwirrend der Alltag und die Beziehungen unter Besatzung sind; dass Menschen nicht einfach in Feind oder Freund, Täter oder Opfer eingeteilt werden können und sie trotz besserem Wissen und Gewissen, durch eigen oder Fremdverschulden tief in politische Konflikte hineingezogen werden können.

Shodi sitzt in einem der Arbeiterbusse die von Usama und seinen Leuten angegriffen werden. Inmitten des Gemetzels erkennt er Usama und will ihn zur Rechenschaft ziehen. Als er begreift, dass Usama von einem israelischen Soldaten angegriffen wird, ändert sich seine Haltung und er tötet stattdessen den Soldaten. Usama wird ebenfalls tödlich verwundet und Shodi will ihm im Tod beistehen. Dabei trifft auch ihn eine tödliche Kugel.

Es gibt im Roman aber auch Augenblicke in denen Empathie in den Vordergrund tritt.
Da ist zum einen die Szene im Gefängnis als die israelischen Soldaten weinen,
weil ein Fünfjähriger zum ersten Mal seinen Vater sieht. Oder Usamas Attentat auf den israelischen Offizier – wenige Minuten vor dem Attentat hat Umm Saber die israelische Familie noch verflucht, nach dem Angriff kann sie sich mit der Frau des Offiziers und ihrem Schmerz identifizieren und bezeichnet sie sogar als Schwester:

„Umm Sabers Blick traf auf die Augen der Frau. Die verängstigten Blicke ….Irgend etwas bewegte die verschlossenen Tore ihres Herzens, unwiderstehlich…‘Gottes Hilfe mit dir, Schwester. Gottes Hilfe mit dir‘.“

Adel ist ebenfalls Zeuge des Attentates und kümmert sich um die Tochter des Offiziers.

„‘Mein Vetter tötet ihn, und ich trage seine Tochter‘…Der Gedanke an den Kopf der Israelin an seiner Schulter öffnet, trotz aller Grenzen, die Horizonte einer engen Welt.“ Und an anderer Stelle: „…‘Damals trugst du einen Menschen. Du spürtest, wie dein Menschsein sich erweiterte, sich verdichtete. Durch sein Menschsein brach auch dein Menschsein hervor.‘ “

Die Handlung wird hauptsächlich von männlichen Charakteren getragen.
Die weiblichen Figuren stehen (noch) im Hintergrund. Usamas Mutter, die weder Lesen noch Schreiben kann, versucht zwar innerhalb des privaten Rahmens der Familie für alle Probleme eine Lösung zu finden, doch wenn es um die Besatzung geht, vertraut sie auf Gott:

„Du läßt heiraten, du läßt sterben, du machst Pläne nach Belieben. Doch bei den wirklichen Problemen sagst du: Der Allmächtige wird eine Lösung finden.“

Ganz gegensätzlich agiert Adels belesene Schwester Nuwar die heimlich in einen jungen, inhaftierten Kämpfer verliebt ist. Sie vertritt zwar die Meinung, dass nicht Gott, sondern die Menschen eine Lösung finden müssen und dass sich starke Menschen nicht beugen, doch als es darum geht ihrem Vater gegenüber die Hochzeit mit einem älteren Mann zu verweigern und ihre Liebe zu Saleh zu verteidigen, kann sie nicht für sich selbst einstehen. Saleh‘s Schwester Lina wird im Roman nur namentlich erwähnt und kommt leider selbst nicht zu Wort. Sie wird beschuldigt einer Untergrundorganisation anzugehören und verhaftet.

Im Anhang finden sich einige Worterklärungen, ich hätte mir aber mehr Anmerkungen gewünscht. Laut Wikipedia (20170830) wurde das Buch auch ins Hebräische übersetzt, in den Palästinensergebieten war zunächst nur die hebräische Übersetzung erlaubt, das arabische Original war verboten.

Sahar Khalifa wurde 1941 in Nablus, Palästina, geboren. Mit achtzehn Jahren ging sie eine traditionelle Ehe ein, die dreizehn Jahre dauerte. Nach der Scheidung begann sie sich verstärkt dem Schreiben zu widmen, studierte an der Bir Zait Universität und in den USA. Danach arbeitete sie als Dozentin an der Universität Bir Zait. In Nablus gründete sie ein palästinensisches Frauenzentrum, das sie neben ihrer schriftstellerischen Arbeit leitet. Heute lebt sie in Nablus und Amman. Für ihren Roman ‚Die Verheißung‘ erhielt sie 2006 in Kairo die Nagib-Machfus-Medaille.

Khalifa Sahar: Der Feigenkaktus. (© Khalifa Sahar 1976, Al-Subbár).
A
us dem Arabischen von Hartmut Fähndrich.
Unionsverlag. 1990. ISBN 3-293-20003-6. 226 Seiten.

Zur Weiterreise:
Leisering Walter (Hg.): Historischer Weltatlas. marixverlag. 2009 (bzw. eine aktuellere Ausgabe)
Abulhawa Susan: Während die Welt schlief.

 

1Die Autorin hat den Roman Abu al-Iss und seinesgleichen gewidmet.

Wilson Brad: Tiere vor der Kamera

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Da ich mich im Moment auf’s Fotografieren konzentriere, möchte ich Euch heute einen atemberaubenden Bildband ans Herz legen.

Wild Life von Brad Wilson

(Bildquelle: Prestel Verlag/Randomhouse)

Der amerikanische Fotograf Brad Wilson hat ein Projekt realisiert, von dem viele Tierfotografen kaum zu träumen wagen: Er hat „wilde“ Tiere ins Studio geholt und dort fotografiert. Um diese Gelegenheit voll auszuschöpfen hat er das beste Equipment verwendet und die Tiere (Affen, Löwen, Reptilien usw.) mitsamt Trainern in ein überdimensionales Studio geholt. Das Ergebnis der mit technischer Brillianz ausgeführten Bilder ist atemberaubend: intime, direkte Portraits der Tiere die mich in ihrer Schönheit und Würde tief berühren. Farben, Federn, Felle und Augen die mich einfach nur staunen lassen und an denen ich mich nicht sattsehen kann.

Mehr kann ich dazu nicht sagen, einfach anschauen und staunen.

Der Verlag stellt einen Buchtrailer mit Interview und Making Of – Szenen zur Verfügung das eine schöne Ergänzung zum Bildband liefert:

Wilson Brad: Tiere vor der Kamera. Prestel. 2014. ISBN: 978-3-7913-4897-1

Wilson Brad: Wild Life. Prestel. 2014. ISBN: 978-3-7913-4892-6

 

 

Happy Birthday Mrs. Austen

The novel is: „in short, only some work in which the greatest powers of the mind are displayed, in which the most thorough knowledge of human nature, the happiest delination of its varieties, the liveliest effusions of wit and humour, are conveyed to the world in the best chosen language.“

 

True, isn’t it?

Literaturkreis

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In meiner Nachbarschaft wurde gerade ein Literaturkreis gegründet. Das erste Treffen findet im April statt und wir wollen Milan Kundera’s Der Scherz besprechen. Ich bin schon sehr gespannt, ich habe noch nie bei einem Literaturkreis mitgemacht. Heute ist meine gebrauchte Ausgabe angekommen (1987). Natürlich habe ich gleich zwei weitere Bücher mitbestellt. Das Eine wollte ich schon seit Jahren lesen:Martin Buber: Ich und Du.
Das Andere habe ich zufällig entdeckt: Reshad Feild: Ich gind den Weg des Derwisch.

Der Grundgedanke dahinter war natürlich rein ökonomischer Natur und hat nichts mit Suchtverhalten zu tun…..

Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit. Konstantin Wecker / Bernard Glassman

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Nicht nur Konstantin Wecker hat zur Empörung über den Zustand der Welt aufgerufen. Empörung wird zum Dauerzustand wenn man Nachrichten und öffentliche Debatten kritisch mitverfolgt. Was tun? Abschalten und sich auf das eigene Leben konzentrieren? Damit entzieht man sich seiner Verantwortung. Empörung alleine wiederum macht handlungsunfähig. Es muss einen Mittelweg geben – auf dem man in guten Gefühlen bleiben, auf sich selbst achten und sich trotzdem engagieren kann.
Diesen Weg versucht Konstantin Wecker gemeinsam mit dem Zen-Meister Bernard Glassman in Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit. aufzuzeigen.
Erschienen ist das Buch, ebenso wie Wecker‘s Album Wut und Zärtlichkeit, bereits 2011.

Die Beiden kommen abwechselnd in Monologen und Dialogen zu Wort. Über ihre unterschiedlichen Lebenswege – der Eine Zen-Aktivist, der Andere engagierter Liedermacher – versuchen sie aufzuzeichnen wie man nicht in der Empörung stecken bleibt, sondern fähig wird weise zu handeln.Wie kann der einzelne Mensch wirklich etwas in der Welt verändern? Braucht soziales und politisches Engagement eine spirituelle Quelle, um langfristig etwas zu bewegen? Für viele Menschen ist ein Humanismus, der ohne Glauben auf ein höheres Wesen auskommt, ein guter Weg.  Die beständige bzw. wieder steigende Macht der großen Religionen, aber auch das Suchen sehr vieler Menschen außerhalb der Religionen (Yoga, Schmanismus usw.) zeigt, dass die Mehrheit der Menschen glauben möchte. Deshalb finde ich es zeitgemäß und wichtig, dass Glassmann und Wecker Spiritualität in Verbindung mit politischen Engagment bringen:

„Eine wirklich neue, friedliche Politik basiert auf einer spirituellen Weltsicht. Eine Spiritualität, die alle Grenzen der Religion aufhebt, weil sie das Göttliche nicht auf Altären sucht, sondern im Menschen selbst. Wir müssen wieder zu sprechen bereit sein von der Untrennbarkeit des Menschen von der Welt, der Verbindung unserer biologischen Existenz mit dem Universum, unsere Verbundenheit mit allem, was lebt. Wir müssen wieder zu sprechen beginnen von der Liebe und Schönheit des Daseins. Und ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die dazu bereit sind und dies bereits tun. Es ist an der Zeit, die Weisheitslehren aus Ost und West in unser aktives Handeln für eine gerechtere Welt zu integrieren. Es ist an der Zeit, die Kriege zu beenden, die Kriege in unseren Herzen, in unseren Köpfen und auf den Schlachtfeldern.“ Konstantin Wecker.

Da Glassmann Zen Meister ist, wird spirituelles Engagment mittels Buddhismus erklärt:

„Wir kultivieren das, was im Zen Anfängergeist genannt wird, d.h. allem mit offenem Geist zu begegnen und nicht mit vorgefassten Ideen und Vorstellungen davon, wie man die Dinge richten und die Probleme bewältigen könnte. Wir legen dabei Zeugnis ab von allem, dem wir begegnen, von Freude ebenso wie Leid. Anstatt die Situation nur zu beobachten, werden wir Selbst Teil der Situation. Wir machen uns vertraut mit dem was ist, auch mit Krankheit, Krieg, Armut, Tod. Wenn wir Zeugnis von dem ablegen, dann sind wir einfach da, wir fliehen nicht. Es geht darum, den Dualismus zwischen Ich als Subjekt und dem anderen als Objekt aufzulösen. Wenn wir Zeugnis ablegen wollen vom Leiden und leiden dabei selbst nicht, dann legen wir kein Zeugnis ab. Zeugnis ablegen von Freude ist Freude. Zeugnis ablegen von Leiden ist Leiden. Indem wir Zeugnis ablegen, öffnen wir den Raum für liebevolles Handeln und Heilung. Heilen heißt, die Dinge wieder ganz zu machen. Das ist die Essenz der Friedfertigkeit, denn sie beendet die Trennung und damit den Konflikt. Wenn ich die Ganzheit von mir selbst anerkenne, dann bin ich bereit, alles in mir zu erkennen, dass Gute ebenso wie das Schlechte, den Geist und den Körper, alle Seiten der Medaille.“ Bernie Glassmann.

Der Weg den Glassmann gegangen ist, ist nicht jedermanns Weg: anstatt sich in den Tempel zurückzuziehen lebt er gemeinsam mit Obdachlosen auf der Straße und meditiert mit Menschen in Auschwitz. Aber das dahinterliegende Prinzip ist von jedem Menschen anwendbar:

 „Schau einfach genau hin und frage, wie du helfen kannst. Was immer du dann auch tust, ist das Beste, was du in diesem Moment tun kannst. Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Aktivisten verurteilen nicht. Sie handeln. Sie tun, was die jeweilige Situation von ihnen erfordert.“
Bernie Glassmann.

Konstantin Wecker / Bernard Glassman (Hg. Christa Spannbauer): Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit. Kösel Verlag. 2011. ISBN 978-3-466-30919-1. 175 Seiten

Zur Weiterreise:
Empört Euch Konstantin Wecker LIVE 2014

4321. Paul Auster

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978-3-498-00097-4Gestern ist Paul Auster 70 Jahre alt geworden. Gerade rechtzeitig ist sein Opus magnum erschienen.
1264 Seiten. 6 Jahre hat er angeblich daran geschrieben. Meine Buchhändlerin hat mir 30 Lesestunden prognostiziert.
Ein Großprojekt für uns Beide also.
Erwartungsvoll mache mich auf die Reise um die vier Leben des Archibald Ferguson im Amerika der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu erkunden.
Ich bin sehr gespannt. Ihr auch?
Wenn nicht, vielleicht kann Euch der Autor selbst neugierig machen: Paul Auster über seinen Roman. (Verlagsvideo Rowohlt)