Khalifa Sahar: Der Feigenkaktus.

Das Bild hat mehr als eine Perspektive.“

Eine Rezension zu diesem Roman zu schreiben ist schwierig. Die Handlungsstränge sind sehr verwoben, die Erzählform springt vom inneren Monolog zur direkten Rede und zu einer allwissenden Erzählerin. Zudem ist mir die richtige Wortwahl bei diesem brisanten Thema schwer gefallen.

Der Roman spielt im Westjordanland der 1970er Jahre und behandelt zwei Themen: die politische Situation unter Besatzung zwischen Unterwerfung und Kampf und sehr facettenreich die wirtschaftlichen Bedingungen im besetzten Gebiet und wie diese beiden Themen miteinander verwoben sind. Die Themenwahl macht den Roman für das Verständnis des Konflikts interessant und wichtig. Sahar Khalifa erzählt aus palästinensischer Sicht, doch schon diese einseitige Perspektive auf den Konflikt zeigt deutlich wie unfassbar komplex die Lage bereits in den 1970er Jahren war.

Im Zentrum der Handlung steht die ehemals gut situierte Familie al-Karmi aus Nablus sowie Nachbarn und Arbeitskollegen. Usama ein Vetter, kehrt Anfang der 1970er ins palästinensische Westjordanland zurück, dass er nach der israelischen Besetzung verlassen hatte um in den Golfstaaten zu studieren und zu arbeiten. Beim Grenzübertritt wird ihm schmerzlich bewusst, dass dies ist nicht mehr das Land seiner Erinnerung ist.

In Nablus findet er fremde Menschen vor, sie sind besser gekleidet und besser genährt als bei seiner Abreise, überall findet er israelische Waren. Scheinbar leben die Menschen unter der Besatzung besser als zuvor:

„Was ist mit dem Land los? Was ist mit den Leuten los? Was ist los mit Euch?…Sie haben Euch eingelullt. Sie haben Euch um den Finger gewickelt. Und ich sehe in Euren Augen keine Regung von Scham.“

Er wirft ihnen vor nichts gegen die Besatzung unternommen haben. Doch schnell wird klar, dass er als Rückkehrer die aktuelle Lage sehr einseitig beurteilt:

Von welchen Leuten sprichst Du? Von denen, die nach Kuwait ausgewandert sind oder nach Dahran oder in die Golfstaaten? Sollen sie sich doch an der Industrialisierung des Westjordanlandes und des Gazastreifens beteiligen, dann hören wir sofort auf, dort unten zu arbeiten. Aber das tun sie nicht. Weißt Du warum? Weil kein einziger von ihnen auch nur Teil seines Geldes aufs Spiel setzten will. Aber von uns verlangen sie, daß wir allein die Risiken und Opfer auf uns nehmen.“

Die Menschen in Nablus versuchen mit unterschiedlichen Strategien unter der Besatzung zu leben. Die Einen fügen sich im Vertrauen auf Gott ihrem Schicksal und glauben an ein baldiges Ende der Besatzung. Die Anderen bekämpfen die Besatzungsmacht mit Gewalt. Der Großteil versucht einen Weg zu finden um die Familie zu ernähren.
Die eigenen Felder und Plantagen wurden enteignet oder liegen aufgrund von Arbeitermangel brach da die Löhne gesunken sind. Wer kann, versucht weiter in Nablus Geschäfte zu machen, z.B. als Gemüsehändler oder Brotverkäufer. Doch die Preise sind für palästinensische Familien kaum bezahlbar und viele der Produkte werden nicht mehr vor Ort produziert sondern in Israel z.B.das Brot. Manche Männer gehen in die Golfstaaten um dort zu arbeiten, viele Männer entscheiden sich in israelischen Fabriken zu arbeiten und pendeln täglich nach Tel Aviv. Egal welche Entscheidung sie treffen, aus der Sicht
der Anderen gelten sie als Verräter.

Schande? Ich bin dort arbeiten gegangen, und ihr habt gesagt: Schande. Ich bin zu Hause geblieben wie die Weiber, und man hat gesagt: Schande. Wir haben Brot verkauft, und ihr habt gesagt: Schande.“

Adel, der keine Arbeiter mehr für seine Plantage hat, aber seinen kranken Vater und seine Geschwister versorgen muss, arbeitet daher heimlich in einer israelischen Fabrik. Die Krankheit seines Vaters fordert all seine Aufmerksamkeit. Für alle weiteren Probleme – die seines Bruders Basil, seine Schwester Nuwar oder die Besatzung hat er keine Kraft. Lediglich seinen Arbeitskollege Abu Sader unterstützt er, nachdem dieser bei bei einem Arbeitsunfall einige Finger der rechten Hand verliert und arbeitsunfähig wird. Da Abu Sader nicht offiziell angestellt ist, stehen ihm weder eine entsprechende Notfallversorgung noch eine Entschädigung zu. Mit Adels Unterstützung kämpft er zwar für die Entschädigung, doch die Firma meldet Konkurs an und Abu Sader bekommt nichts. Mit Abu Sader zeigt Khalifa, dass die palästinensischen Fabriksarbeiter nicht nur von einer Form der Ungleichheit betroffen sind:

„Das ist ja nicht nur ein Problem zwischen Israelis und Arabern. Das ist ein Problem zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern.“

Shodi, ein weiterer Kollege Adels verletzt im Streit einen israelischen Inspektor in der Fabrik:

Er zwang sich zur Ruhe und dachte: Laß mich zufrieden, Schlomo. Gott sehe es dir nach. Ich weiß ja, daß du das Haus im Saada-Viertel nicht gesprengt hast. Auch daß du nicht mit deiner Kanone auf dem Grisim geschossen hast. Und daß du nicht verantwortlich bist für die Verhaftung von Hamada, Basil und all den anderen. Aber du bist doch verantwortlich! Du bist verantwortlich, ohne verantwortlich zu sein.“

Er muss eine Strafe im Gefängnis absitzen. Unerfahrene Jungen, einfache Arbeiter und ungebildete Bauern treffen hier auf belesene und machthungrige Revolutionäre. Die Gefängniszelle wird von Khalifa als Mikrokosmos dargestellt, in dem sich wiederholt was außerhalb der Gefängnismauern passiert:

Doch Adel [Anm.ein anderer Adel] und seine Kameraden halten immer Ausschau nach sexuellen und moralischen Abweichungen, und selbst Abu Salem wurde einmal verurteilt, weil er sich zuviel Suppe genommen hatte…Ein Staat im Staat. Adel, mit gekreuzten Beinen mitten in Zelle 23, gibt sich als Gewissen der Revolution. Doch er hat ein kaltes Herz, Leute. Und ich fürchte wahrlich, er wird wie alle Herrscher. Er befiehlt, und wir gehorchen. Und die Geschichte wiederholt sich unter neuen, schönen, strahlenden Begriffen: Demokratie, Sozialismus, Proletariat. Dann schwingt Stalin seine Sense und mäht die Häupter der Millionen, während die Massen dem allmächtigen Herrn zujauchzen und zujubeln und Loblieder auf Moskau und Rotchina anstimmen.“

Adels jüngerer Bruder Basil wurde ebenfalls verhaftet. Gemeinsam mit Kindern hat er vor israelischen Soldaten Revolutionsparolen skandiert. Von seinen Zellengenossen wird er gelobt und erhält den Beinamen Abu al-Iss – Vater der Ehre.1 Angestachelt durch die Kameraden und bestärkt durch den Ehrentitel schließt er sich nach seiner Entlassung einer Untergrundorganisation an. Als er entlarvt wird, wird das Haus der Familie gesprengt.

Adels Vetter Usama ist mit dem Auftrag einen Anschlag auf die Arbeiterbusse zu verüben nach Neblus zurückgekehrt.Nur kurz hat er bedenken, dass auch Adel unter den Opfern des geplanten Anschlages sein könnte. Doch er redet sich ein, dass Adel selbst Schuld wäre, denn es war seine Entscheidung in der israelischen Fabrik zu arbeiten. Sein Auftrag dient einem größeren Zweck. In den Kefije seines Vaters gehüllt verübt er am Markt ein Messerattentat auf einen israelischen Offizier. Er flieht in die Berge und schließt sich Kämpfern an, um mit ihnen das Attentat auf die Arbeiterbusse auszuüben.

…Persönliche Träume zerfließen. Der Einzelne wird zum Schuß in einer Salve. Und wenn er besonders gut zurechtgeschliffen ist, wird er zur Granate. Zur schußbereiten Granate. Das ist Logik. Sie haben vieles gesagt, und wir haben vieles gesagt, Logisches. Die Existenz des Einzelnen wird in historische Gleichungen gezwängt, und er wird zur Ziffer in einer Gleichung. Eine Ziffer. Ziffern. Die Gleichung erscheint wissenschaftlich, realistisch, konkret. Die Romantik zerfällt. Die zarten Träume sterben. Die Poesie stirbt. Die Leidenschaft stirbt. Und alles wird zum Kettenglied dieser Gleichung….“

Anhand der Figur von Shodi zeigt sich wie kompliziert und verwirrend der Alltag und die Beziehungen unter Besatzung sind; dass Menschen nicht einfach in Feind oder Freund, Täter oder Opfer eingeteilt werden können und sie trotz besserem Wissen und Gewissen, durch eigen oder Fremdverschulden tief in politische Konflikte hineingezogen werden können.

Shodi sitzt in einem der Arbeiterbusse die von Usama und seinen Leuten angegriffen werden. Inmitten des Gemetzels erkennt er Usama und will ihn zur Rechenschaft ziehen. Als er begreift, dass Usama von einem israelischen Soldaten angegriffen wird, ändert sich seine Haltung und er tötet stattdessen den Soldaten. Usama wird ebenfalls tödlich verwundet und Shodi will ihm im Tod beistehen. Dabei trifft auch ihn eine tödliche Kugel.

Es gibt im Roman aber auch Augenblicke in denen Empathie in den Vordergrund tritt.
Da ist zum einen die Szene im Gefängnis als die israelischen Soldaten weinen,
weil ein Fünfjähriger zum ersten Mal seinen Vater sieht. Oder Usamas Attentat auf den israelischen Offizier – wenige Minuten vor dem Attentat hat Umm Saber die israelische Familie noch verflucht, nach dem Angriff kann sie sich mit der Frau des Offiziers und ihrem Schmerz identifizieren und bezeichnet sie sogar als Schwester:

„Umm Sabers Blick traf auf die Augen der Frau. Die verängstigten Blicke ….Irgend etwas bewegte die verschlossenen Tore ihres Herzens, unwiderstehlich…‘Gottes Hilfe mit dir, Schwester. Gottes Hilfe mit dir‘.“

Adel ist ebenfalls Zeuge des Attentates und kümmert sich um die Tochter des Offiziers.

„‘Mein Vetter tötet ihn, und ich trage seine Tochter‘…Der Gedanke an den Kopf der Israelin an seiner Schulter öffnet, trotz aller Grenzen, die Horizonte einer engen Welt.“ Und an anderer Stelle: „…‘Damals trugst du einen Menschen. Du spürtest, wie dein Menschsein sich erweiterte, sich verdichtete. Durch sein Menschsein brach auch dein Menschsein hervor.‘ “

Die Handlung wird hauptsächlich von männlichen Charakteren getragen.
Die weiblichen Figuren stehen (noch) im Hintergrund. Usamas Mutter, die weder Lesen noch Schreiben kann, versucht zwar innerhalb des privaten Rahmens der Familie für alle Probleme eine Lösung zu finden, doch wenn es um die Besatzung geht, vertraut sie auf Gott:

„Du läßt heiraten, du läßt sterben, du machst Pläne nach Belieben. Doch bei den wirklichen Problemen sagst du: Der Allmächtige wird eine Lösung finden.“

Ganz gegensätzlich agiert Adels belesene Schwester Nuwar die heimlich in einen jungen, inhaftierten Kämpfer verliebt ist. Sie vertritt zwar die Meinung, dass nicht Gott, sondern die Menschen eine Lösung finden müssen und dass sich starke Menschen nicht beugen, doch als es darum geht ihrem Vater gegenüber die Hochzeit mit einem älteren Mann zu verweigern und ihre Liebe zu Saleh zu verteidigen, kann sie nicht für sich selbst einstehen. Saleh‘s Schwester Lina wird im Roman nur namentlich erwähnt und kommt leider selbst nicht zu Wort. Sie wird beschuldigt einer Untergrundorganisation anzugehören und verhaftet.

Im Anhang finden sich einige Worterklärungen, ich hätte mir aber mehr Anmerkungen gewünscht. Laut Wikipedia (20170830) wurde das Buch auch ins Hebräische übersetzt, in den Palästinensergebieten war zunächst nur die hebräische Übersetzung erlaubt, das arabische Original war verboten.

Sahar Khalifa wurde 1941 in Nablus, Palästina, geboren. Mit achtzehn Jahren ging sie eine traditionelle Ehe ein, die dreizehn Jahre dauerte. Nach der Scheidung begann sie sich verstärkt dem Schreiben zu widmen, studierte an der Bir Zait Universität und in den USA. Danach arbeitete sie als Dozentin an der Universität Bir Zait. In Nablus gründete sie ein palästinensisches Frauenzentrum, das sie neben ihrer schriftstellerischen Arbeit leitet. Heute lebt sie in Nablus und Amman. Für ihren Roman ‚Die Verheißung‘ erhielt sie 2006 in Kairo die Nagib-Machfus-Medaille.

Khalifa Sahar: Der Feigenkaktus. (© Khalifa Sahar 1976, Al-Subbár).
A
us dem Arabischen von Hartmut Fähndrich.
Unionsverlag. 1990. ISBN 3-293-20003-6. 226 Seiten.

Zur Weiterreise:
Leisering Walter (Hg.): Historischer Weltatlas. marixverlag. 2009 (bzw. eine aktuellere Ausgabe)
Abulhawa Susan: Während die Welt schlief.

 

1Die Autorin hat den Roman Abu al-Iss und seinesgleichen gewidmet.

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Wilson Brad: Tiere vor der Kamera

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Da ich mich im Moment auf’s Fotografieren konzentriere, möchte ich Euch heute einen atemberaubenden Bildband ans Herz legen.

Wild Life von Brad Wilson

(Bildquelle: Prestel Verlag/Randomhouse)

Der amerikanische Fotograf Brad Wilson hat ein Projekt realisiert, von dem viele Tierfotografen kaum zu träumen wagen: Er hat „wilde“ Tiere ins Studio geholt und dort fotografiert. Um diese Gelegenheit voll auszuschöpfen hat er das beste Equipment verwendet und die Tiere (Affen, Löwen, Reptilien usw.) mitsamt Trainern in ein überdimensionales Studio geholt. Das Ergebnis der mit technischer Brillianz ausgeführten Bilder ist atemberaubend: intime, direkte Portraits der Tiere die mich in ihrer Schönheit und Würde tief berühren. Farben, Federn, Felle und Augen die mich einfach nur staunen lassen und an denen ich mich nicht sattsehen kann.

Mehr kann ich dazu nicht sagen, einfach anschauen und staunen.

Der Verlag stellt einen Buchtrailer mit Interview und Making Of – Szenen zur Verfügung das eine schöne Ergänzung zum Bildband liefert:

Wilson Brad: Tiere vor der Kamera. Prestel. 2014. ISBN: 978-3-7913-4897-1

Wilson Brad: Wild Life. Prestel. 2014. ISBN: 978-3-7913-4892-6

 

 

Happy Birthday Mrs. Austen

The novel is: „in short, only some work in which the greatest powers of the mind are displayed, in which the most thorough knowledge of human nature, the happiest delination of its varieties, the liveliest effusions of wit and humour, are conveyed to the world in the best chosen language.“

 

True, isn’t it?

Literaturkreis

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In meiner Nachbarschaft wurde gerade ein Literaturkreis gegründet. Das erste Treffen findet im April statt und wir wollen Milan Kundera’s Der Scherz besprechen. Ich bin schon sehr gespannt, ich habe noch nie bei einem Literaturkreis mitgemacht. Heute ist meine gebrauchte Ausgabe angekommen (1987). Natürlich habe ich gleich zwei weitere Bücher mitbestellt. Das Eine wollte ich schon seit Jahren lesen:Martin Buber: Ich und Du.
Das Andere habe ich zufällig entdeckt: Reshad Feild: Ich gind den Weg des Derwisch.

Der Grundgedanke dahinter war natürlich rein ökonomischer Natur und hat nichts mit Suchtverhalten zu tun…..

Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit. Konstantin Wecker / Bernard Glassman

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Nicht nur Konstantin Wecker hat zur Empörung über den Zustand der Welt aufgerufen. Empörung wird zum Dauerzustand wenn man Nachrichten und öffentliche Debatten kritisch mitverfolgt. Was tun? Abschalten und sich auf das eigene Leben konzentrieren? Damit entzieht man sich seiner Verantwortung. Empörung alleine wiederum macht handlungsunfähig. Es muss einen Mittelweg geben – auf dem man in guten Gefühlen bleiben, auf sich selbst achten und sich trotzdem engagieren kann.
Diesen Weg versucht Konstantin Wecker gemeinsam mit dem Zen-Meister Bernard Glassman in Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit. aufzuzeigen.
Erschienen ist das Buch, ebenso wie Wecker‘s Album Wut und Zärtlichkeit, bereits 2011.

Die Beiden kommen abwechselnd in Monologen und Dialogen zu Wort. Über ihre unterschiedlichen Lebenswege – der Eine Zen-Aktivist, der Andere engagierter Liedermacher – versuchen sie aufzuzeichnen wie man nicht in der Empörung stecken bleibt, sondern fähig wird weise zu handeln.Wie kann der einzelne Mensch wirklich etwas in der Welt verändern? Braucht soziales und politisches Engagement eine spirituelle Quelle, um langfristig etwas zu bewegen? Für viele Menschen ist ein Humanismus, der ohne Glauben auf ein höheres Wesen auskommt, ein guter Weg.  Die beständige bzw. wieder steigende Macht der großen Religionen, aber auch das Suchen sehr vieler Menschen außerhalb der Religionen (Yoga, Schmanismus usw.) zeigt, dass die Mehrheit der Menschen glauben möchte. Deshalb finde ich es zeitgemäß und wichtig, dass Glassmann und Wecker Spiritualität in Verbindung mit politischen Engagment bringen:

„Eine wirklich neue, friedliche Politik basiert auf einer spirituellen Weltsicht. Eine Spiritualität, die alle Grenzen der Religion aufhebt, weil sie das Göttliche nicht auf Altären sucht, sondern im Menschen selbst. Wir müssen wieder zu sprechen bereit sein von der Untrennbarkeit des Menschen von der Welt, der Verbindung unserer biologischen Existenz mit dem Universum, unsere Verbundenheit mit allem, was lebt. Wir müssen wieder zu sprechen beginnen von der Liebe und Schönheit des Daseins. Und ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die dazu bereit sind und dies bereits tun. Es ist an der Zeit, die Weisheitslehren aus Ost und West in unser aktives Handeln für eine gerechtere Welt zu integrieren. Es ist an der Zeit, die Kriege zu beenden, die Kriege in unseren Herzen, in unseren Köpfen und auf den Schlachtfeldern.“ Konstantin Wecker.

Da Glassmann Zen Meister ist, wird spirituelles Engagment mittels Buddhismus erklärt:

„Wir kultivieren das, was im Zen Anfängergeist genannt wird, d.h. allem mit offenem Geist zu begegnen und nicht mit vorgefassten Ideen und Vorstellungen davon, wie man die Dinge richten und die Probleme bewältigen könnte. Wir legen dabei Zeugnis ab von allem, dem wir begegnen, von Freude ebenso wie Leid. Anstatt die Situation nur zu beobachten, werden wir Selbst Teil der Situation. Wir machen uns vertraut mit dem was ist, auch mit Krankheit, Krieg, Armut, Tod. Wenn wir Zeugnis von dem ablegen, dann sind wir einfach da, wir fliehen nicht. Es geht darum, den Dualismus zwischen Ich als Subjekt und dem anderen als Objekt aufzulösen. Wenn wir Zeugnis ablegen wollen vom Leiden und leiden dabei selbst nicht, dann legen wir kein Zeugnis ab. Zeugnis ablegen von Freude ist Freude. Zeugnis ablegen von Leiden ist Leiden. Indem wir Zeugnis ablegen, öffnen wir den Raum für liebevolles Handeln und Heilung. Heilen heißt, die Dinge wieder ganz zu machen. Das ist die Essenz der Friedfertigkeit, denn sie beendet die Trennung und damit den Konflikt. Wenn ich die Ganzheit von mir selbst anerkenne, dann bin ich bereit, alles in mir zu erkennen, dass Gute ebenso wie das Schlechte, den Geist und den Körper, alle Seiten der Medaille.“ Bernie Glassmann.

Der Weg den Glassmann gegangen ist, ist nicht jedermanns Weg: anstatt sich in den Tempel zurückzuziehen lebt er gemeinsam mit Obdachlosen auf der Straße und meditiert mit Menschen in Auschwitz. Aber das dahinterliegende Prinzip ist von jedem Menschen anwendbar:

 „Schau einfach genau hin und frage, wie du helfen kannst. Was immer du dann auch tust, ist das Beste, was du in diesem Moment tun kannst. Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Aktivisten verurteilen nicht. Sie handeln. Sie tun, was die jeweilige Situation von ihnen erfordert.“
Bernie Glassmann.

Konstantin Wecker / Bernard Glassman (Hg. Christa Spannbauer): Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit. Kösel Verlag. 2011. ISBN 978-3-466-30919-1. 175 Seiten

Zur Weiterreise:
Empört Euch Konstantin Wecker LIVE 2014

4321. Paul Auster

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978-3-498-00097-4Gestern ist Paul Auster 70 Jahre alt geworden. Gerade rechtzeitig ist sein Opus magnum erschienen.
1264 Seiten. 6 Jahre hat er angeblich daran geschrieben. Meine Buchhändlerin hat mir 30 Lesestunden prognostiziert.
Ein Großprojekt für uns Beide also.
Erwartungsvoll mache mich auf die Reise um die vier Leben des Archibald Ferguson im Amerika der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu erkunden.
Ich bin sehr gespannt. Ihr auch?
Wenn nicht, vielleicht kann Euch der Autor selbst neugierig machen: Paul Auster über seinen Roman. (Verlagsvideo Rowohlt)

Besser. Doris Knecht

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978-3-499-25930-2
Herrlich. Sehr böser Humor. Der Roman startet mit einem Rundumschlag auf die gehobene Mittelschicht: „…der hat bis achtzehn vermutlich gar nicht gewusst, dass Frauen an und für sich ohne Perlenohrstecker aus der Fabrik geliefert werden, der wuchs in dem Glauben auf, Frauen hätten das serienmäßig wie Zähne und Brüste und flache Mokassins mit Troddeln dran.“
Die Beschreibung von Felizitas, die alle mögen außer eben Antonia Pollak.

 

 

Antonia Pollak lebt in Wien. Sie ist gut verheiratet, hat zwei Kinder, ist Künstlerin, hat einen entsprechenden Freundeskreis. Aber sie ist gelangweilt und fühlt sich fehl am Platz.
Und bald geht sie mir mit ihrem Gejammer über das Bobo Leben auf die Nerven. Ich denke mir, vielleicht lese ich das Buch zu spät? Vielleicht hätte ich es gleich 2013 lesen sollen, damals als nur die Diskussion Fleischessen oder vegetarisch/vegan Leben die Gesellschaft spaltete und über Beziehungen entschied. Wie Antonia es so treffend formuliert: „Wie es halt unweigerlich kommt, wenn zwei fundamentalistische Religionen aufeinandertreffen.“ Wie es halt so war, damals. Vor 2015/2016.

Aber ich lese weiter. Und plötzlich harte Ehrlichkeit: Gedanken über Kindererziehung, über Mutterschaft, die katholische Kirche, Körperkult und Antonias Mann Adam -scheinbar ein Glückskind, unantastbar für das echte Leben: „Manchmal möchte ich ihm ins Geschicht schlagen und ihm etwas darüber erzählen, dass das Leben in Wirklichkeit nicht so ist, wie er es sich vorstellt.“. Antonia zieht mich immer weiter hinein in ihre Gedankenwelt und Vergangenheit. Sie lässt weder den Traum vom Landleben noch den Traum von der multikulturellen Gesellschaft in der Stadt unangetastet. Antonia ist gelangweilt und verbittert wegen ihrer Vergangenheit. Aber nicht nur.

Sie läßt uns auch an schönen Gedanken teilhaben, wie z.B. im „Ich mag Kapitel“ oder im Kapitel über den Brokeback-Mountain-Kuss – dem ersten Kuss.
Solche wunderbaren Wortfindungen sind über den ganzen Roman verteilt.

Am Ende schafft es Antonia Frieden mit ihrer Umwelt und vor allem mit sich selbst zu schließen: „Wir kommen alle von irgendwo her. Wir sind alle beschädigt. Und die meisten von uns wissen, warum sie jetzt da sind, wo sie sind. Und warum wir leben, wie wir leben, und warum wir sind, wie wir sind. Und warum wir so leben wollen, wie wir leben, warum wir genau so lieben, nicht anders.“

Besser ist ein Großstadt- und ein Entwicklungsroman.Sehr witzig, sehr sarkastisch, sehr ehrlich. Und dann natürlich Kapitel 5. An vielen Stellen erkennt man, dass Doris Knecht sehr erfolgreich Kolumnen für verschiedene Zeitungen schreibt. Schade, dass ich Wald nicht doch auch gleich mitgenommen habe. Aber, für März kündigt sich ja schon der vierte Roman an: Alles über Beziehungen. Hoffentlich mit einer Lesung am 21.03.2017 in Wien.

Zur Weiterreise:
Trailer: Gruber geht. Schöne Verfilmung von Marie Kreutzer mit Manuel Rubey.
Doris Knecht: Wald
Doris Knecht: Alles über Beziehungen. (ET:10.03.2017)

Knecht Doris: Besser. Rowohlt Verlag. Berlin. 1.Auflage März 2013. ISBN: 978 3 87134 740 5.

Kurztripp nach Jeddah

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Weil wir längst woanders sindWeil wir längst woanders sind. Rasha Khayat

Während der Schulzeit ziehen Layla und Basil mit ihren Eltern von Saudi- Arabien nach Deutschland. Der Umzug kam für die Kinder überraschend, eigentlich hätten sie nur Ferien bei den deutschen Großeltern machen wollen. Aber die Familie bleibt.

Als erwachsene Frau geht Layla zurück nach Saudi-Arabien und verlobt sich dort. Anlässlich dieser für Bruder und Mutter überraschenden Hochzeit begleiten wir Basil nach Jeddah.
Während der Reise rekonstruiert er in Erinnerungen die gemeinsame Kindheit und Jugend.

Basil selbst scheint sich in der deutschen Gesellschaft gut aufgehoben zu fühlen. Das Wiedereintauchen in die arabische Sprache und Kultur und die herzliche Aufnahme in der mittlerweile fremden Familie verwirren ihn aber. Was bedeutet Liebe, Familie, Identität und Zugehörigkeit?

Vor allem, was treibt eine junge Frau wie Layla an, die Freiheit in Deutschland aufzugeben und sich den strengen Regeln der saudi-arabischen Gesellschaft zu unterwerfen?

„Natürlich hat man dahinten mehr Möglichkeiten“, unterbricht sie mich. „Vor allem als Frau. Aber was bringt mir das denn, wenn die Freude darüber fehlt bei den Menschen? Wenn sie stumm und kalt bleiben trotz all ihrer Freiheit und immer nur alles Bekannte wiederholen? Was bringen mir denn die ganzen Möglichkeiten, wenn sie keine Verbindung herstellen zueinander? Wenn man einsam bleibt, in der kleinen, drückenden Stadt, weil man so viele andere Dinge kennt, wenn man nie ganz frei sein kann, weil man sich immerzu entscheiden soll, und auch noch glücklich sein darüber.

„Dahinten ist zu wenig Platz für Schönes, Basil, zu wenig Platz für Wärme. Da ist Abstand und Filter. Ich habe die Filter so satt. Warum kann denn dahinten niemand einfach mal sagen, was er fühlt?“

In atmosphärischen Bildern erzählt die Autorin von der Familie, von der Kindheit und vom Alltag in Deutschland und Saudi-Arabien.
Es ist ein Kurztripp nach Jeddah auf dem wir einen ersten Eindruck gewinnen können, der aber Fragen unbeantwortet lässt und neue Fragen aufwirft.
Am Ende der Reise freut man sich auf mehr Geschichten aus Saudi Arabien und auf mehr Geschichten von Rasha Khayat.

Zur Weiterreise:
Westöstliche Diva  Blog der Autorin

Khayat Rasha: Weil wir längst woanders sind. Dumont. 1. Auflage 2016. ISBN:978-3-8321-9814-5

 

Meine wundervolle Buchhandlung. Petra Hartlieb

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Manchmal möchte man nicht einmal die Fingerspitzen aus der Decke hervorstrecken um ein Buch zu halten. In solchen Situationen kann man sich dann einfach bis auf die Ohren in die Decke kuscheln und sich aus dem reichhaltigen Angebot der Bücherei vorlesen lassen. Bisher waren meine Versuche mit Hörbüchern nicht sehr erfolgreich, da ich immer mit den Gedanken woanders war. Mit Petra Hartliebs Meine wundervolle Buchhandlung war es ganz anders. Zum Einen weil ich die Buchhandlung kenne und zum Anderen weil ich die Vorlesestimme von Irene Kugler perfekt für diese Geschichte fand.

In einer Blitzaktion haben die damals in Deutschland lebenden Hartliebs eine Buchhandlung in Wien gekauft, renoviert und wiedereröffnet. Die Geschichte erzählt nun vom Alltag in der Buchhandlung, von Büchern die nebenbei noch geschrieben wurden und natürlich von der Leidenschaft für das Buch im Allgemeinen. Es gibt schöne Momente, aber auch Momente der Verzweiflung. Buchhändleralltag. Eine Traumgeschichte für jeden Bücherwurm. Aber wirklich besonders wird die Geschichte durch den herzlichen und wertschätzenden Blick auf die vielen Menschen die den Buchhandel begleiten. Da tummeln sich Familienmitglieder, Angestellte, Autoren und Autorinnen, Zeitungsmenschen, Verlagsangestellte, Kunden und Kundinnen, Nachbarn und Nachbarinnen, Fremde die zu engen Freunden werden und Handwerker. Es geht nur miteinander und miteinander ist es auch viel schöner.

Die Kompetenz von Herrn Hartlieb habe ich selbst schon getestet. Unabsichtlich. In einer Grenzsituation für Buchhändler. Weihnachtsgeschäft. Ich entschließe mich spontan, so im Vorbeigehen in die berühmte Buchhandlung hineinzugehen. Und dann habe ich vergessen was ich wollte. Peinlich. Aber wahrscheinlich war ich nicht die Einzige. Ich  suche das schöne, dicke, weiße Buch; von der Russin mit dem langen Namen die jetzt in Berlin lebt….Nach kurzem Überlegen überreicht mir Herr Hartlieb „Das achte Leben“ von Nino Haratischwili aus Georgien.

Zur Weiterreise:
Petra Hartlieb: Ein Winter in Wien.

Hartlieb Petra: Meine wundervolle Buchhandlung. Sprecherin: Kugler Irene. Jumbo Neue Medien. 224 min.